Das vielbeklagte demokratische Defizit der EU wird sich nicht auf plebiszitärem Weg beheben lassen. Die Legitimität des Projekts Europa leidet vielmehr daran, dass die Volksvertretungen so wenig mitzureden haben.
Heinrich August Winkler, Jahrgang 1938, lehrte bis zu seiner Emeritierung im vergangenen Jahr Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin.
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Will die Parlamente auf nationaler und europäischer Ebene stärken: Heinrich August Winkler (© Foto: oh)
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Aus dem Nein, das die Iren im Juni dem Vertrag von Lissabon entgegengesetzt haben, lassen sich viele Folgerungen ableiten, aber eine gewiss nicht: dass das vielbeklagte demokratische Defizit der EU auf plebiszitärem Weg zu beheben ist. Beim irischen Volksentscheid haben Kräfte zueinander gefunden, die in der praktischen Politik niemals miteinander kooperieren könnten. Es ging weniger um Europa als um irische Innenpolitik. Und viele Iren empfanden es offenbar als Zumutung, über etwas abstimmen zu sollen, was sie nicht verstanden und wohl auch gar nicht verstehen wollten.
Warum sollte auch bei einem europäischen Thema klappen, was bereits bei den meisten nationalen Themen nicht funktionieren würde: die Entscheidung über schwierige Detailfragen auf dem Weg des Plebiszits. Auch aus diesem Grund werden seit Jahrhunderten Parlamente gewählt. Demokratie heiße Vertrauen auf Zeit, hat Theodor Heuss gesagt. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung sich durch die parlamentarische Mehrheit nicht mehr repräsentiert fühlt, schafft die nächste Wahl Gelegenheit zur Korrektur.
Allzu deutscher Vorschlag
"Ein Volk, das seinem Parlament nicht die Fähigkeit zur Repräsentation zutraut, leidet an einem demokratischen Minderwertigkeitskomplex", hat der Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel 1958 unter Hinweis auf einschlägige Mängel der Weimarer Verfassung geschrieben. Sein Verdikt ist heute so richtig wie damals.
Dass nationale Plebiszite über Europa ihre Tücken haben und zum Missbrauch einladen, geben auch viele Befürworter von mehr direkter Demokratie zu. Wie aber stünde es mit einem europäischen Referendum, einem gleichzeitigen Willensakt der Bevölkerung aller Mitgliedstaaten der EU, wie das die FDP, die Liberalen im Europäischen Parlament und auch Jürgen Habermas erneut gefordert haben
Ginge es um eine Verfassung, die diesen Namen verdient, um eine konstitutionelle Neubegründung der EU, spräche alles für diesen Vorschlag und für seine logische Konsequenz: Die EU bestünde dann aus den Staaten, die den Neuanfang wollen, während die, die ihn ablehnen, ausscheiden müssten.
Eine solche Umgründung der EU hatte Joschka Fischer im Sinn, als er im Mai 2000 eine Verfassung für Europa vorschlug. Der damalige deutsche Außenminister plädierte für einen qualitativen Sprung: die Umwandlung des bestehenden "Staatenverbundes" (so das Bundesverfassungsgericht 1993 in seinem Urteil zum Maastricht-Vertrag) in eine europäische Föderation mit einer dem Europäischen Parlament verantwortlichen europäischen Regierung.
Den meisten Nachbarn klang dieser Vorschlag allzu deutsch: Die Deutschen hatten ihren Nationalstaat ruiniert, aber daraus folgte noch nicht, dass der Nationalstaat schlechthin überholt und ein postnationales Zeitalter angebrochen war. Und so blieben die Mitgliedstaaten die Herren der Verträge, und die Verträge die Verfassung der Europäischen Union.
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"Und viele Iren empfanden es offenbar als Zumutung, über etwas abstimmen zu sollen, was sie nicht verstanden und wohl auch gar nicht verstehen wollten."
Vielleicht haben sie es aber verstanden und deshalb dagegen gestimmt ?
"Ein Volk, das seinem Parlament nicht die Fähigkeit zur Repräsentation zutraut, leidet an einem demokratischen Minderwertigkeitskomplex",
Das Mißtrauen könnte aber auch weniger ein Anzeichen für Minderwertigkeitskomplexe, sondern für mangelndes, weil mehrfach gebrochenes Vertrauen sein.
Zitat:
"Beim irischen Volksentscheid haben Kräfte zueinander gefunden, die in der praktischen Politik niemals miteinander kooperieren könnten" Genau. das war am 20.Juli und ist bei Fragen von Krieg und Frieden öfter so. Da spricht das gesamte Volk, und so ist es in unserer verfassung ja auch vorgesehen: alle Macht geht vom Volke aus - in Wahlen UND ABSTIMMUNGEN.
Zitat 2:
"Demokratie heiße Vertrauen auf Zeit, hat Theodor Heuss gesagt. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung sich durch die parlamentarische Mehrheit nicht mehr repräsentiert fühlt, schafft die nächste Wahl Gelegenheit zur Korrektur"
Wenn es nächste Wahlen gibt. Heuß hat mit seinem Abstimmungsverhalten beim Ermächtigungsgesetz dafür gesorgt, daß es klar ist: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
Heuß hat schlicht genau da versagt, wo es auf ihn ankam. unsere bundestagsabgeordneten kannten den Rahmenvertrag nicht einmal in Gänze und hatten keine Zeit, ihn zu diskutieren:
medienanalyse-international.de/eureformvertrag.html
Und zudem sind mir professores, bei denen der Weltgeist noch wabert, eh suspekt. Da "will Europa" dies oder das. So läßt sich gut über Interessen hinwegschwätzen, voraussetzungslos bramabassieren, und Hegel von den Füßen wieder dahin stellen, wo er mal war. Dahin, wohin man sich angesichts solcher Artikel faßt.
... der Parlamente auf europäischer und nationaler Ebene" ist für mich ein Paradoxon. Denn, wenn ich mir so einige Passagen aus dem Lissaboner Machwerk betrachte, werden bei einigen Entscheidungen nationale Parlamente wenig zu sagen haben.
Von EU-Entscheidungen, die nicht mit unserer Verfassung bzw. dem Grundgesetz (hier etwa der zivile Ungehorsam) korrespondieren, will ich jetzt mal nicht sprechen. Ich sage nur: Schieß-Befehl bei "Aufruhr" (wie immer der auch "verstanden" wird!). Das "Feuer frei" wird dann garantiert aus Brüssel - und nicht aus Berlin kommen...
Von dem o. g. Paradoxon ausgehend kann ich nur sagen: selten einen solch wirschen Beitrag zu diesem Thema gelesen. Ich kann nichts entdecken, was die Pro-Lissabon-Meinung des Schreibers letztendlich massiv untermauert...
... in Bezug auf Europa. Entweder sie wollen nicht wahrhaben, dass die Macht mit 'Brüssel' mitlerweile geteilt wird oder sie liegen einfach völlig falsch (siehe Gauweiler und seine Anfängerfehler in Bezug auf EU Recht).
Und interessant ist es auch für viele nicht, da es der eigenen Karriere nicht viel bringt (um vowärts zu kommen, muss man nationale politische Themen beackern, wo die Medien einen bemerken - bei EU Themen 'schalten' viele ab).
Daher wird solch eine Möglichkeit dann wahrscheinlich gar nicht richtig genutzt, sondern höchstens, um Polemik zu machen ... wie man es am Thema Sozialdumping sieht und wie es sich bei der Patientenmobilität abzeichnet.
Insofern hat sich eine Schere zwischen wahrer Macht und 'gefühlter' Macht aufgetan, der zu Zerrbildern führt.