Dass Iran Atommacht sein will, erklärt sich vor allem durch seine geostrategische Lage.
(SZ vom 20.11.2003) - Von außen betrachtet, mag Iran in der Atomkrise wie ein Schurkenstaat wirken. Beteuerungen und Taten klaffen weit auseinander. Aus iranischer Perspektive sieht die Sache anders aus: Das Land ist - zumindest aus Sicht des Mullah-Regimes - von Feinden umzingelt. Da wäre im Nordwesten der Nato-Staat Türkei, dann kommen, im Uhrzeigersinn, ex-sowjetische Republiken, in denen der Erzfeind Amerika auch militärisch Fuß fassen konnte. Es folgen das faktische US-Protektorat Afghanistan und der US-Verbündete und Atomwaffenbesitzer Pakistan; sodann Saudi-Arabien, dito US-Partner mit Drang zur Bombe; schließlich Washingtons neu eroberte Militärbasis, der Irak. Und dann wartet noch im Hintergrund Israel, die heimliche Atommacht des Nahen Ostens. Man muss nicht klaustrophobisch sein, um sich da beklommen zu fühlen.
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Quer durch alle innenpolitischen Lager wird argumentiert, das Land solle sich Atomwaffen zulegen, um sich à la Nordkorea unangreifbar zu machen. Neben der geostrategischen Lage spielt nationaler Stolz eine Rolle, und die Hoffnung, als Atommacht mehr Gewicht in Nahost zu erlangen. Überspitzt ließe sich sagen: Die Bombe eint das Land. Süffisant weisen Iraner darauf hin, die USA seien es einst selbst gewesen, die das Land zur Atomrüstung ermutigten. Damals freilich herrschte noch der Schah.
Offen mag sich aber kaum ein Politiker zu Nuklearwaffen-Ambitionen bekennen. Im Gegenteil: Reformer wie Traditionalisten beteuern, Iran wolle die Kraft der Atome nur friedlich nutzen. Dies allerdings ausgiebig. Vom Uranabbau über die Anreicherung bis zur Wiederaufbereitung soll der Brennstoffzyklus im Land ablaufen. "Wir haben ein Recht zur friedlichen Nukleartechnik, und kein Land und keine Organisation kann uns dieses Rechts berauben", meint der geistliche Führer Irans, Ajatollah Chamenei. Und der Chef des Sicherheitsrats, Hassan Rowhani, mahnte am Mittwoch die Internationale Atomenergieorganisation (IAEA): "Jeder Satz in einer Resolution, der darauf abzielt, Irans freiwillige Suspendierung der Urananreicherung in eine rechtliche Verpflichtung umzuwandeln, ist inakzeptabel."
Mehr oder weniger offen droht Teheran, bei zu großem Druck der IAEA die Zusammenarbeit auf ein Minimum zu reduzieren oder ganz aus dem Atomwaffensperrvertrag auszusteigen. Derzeit herrscht jedoch noch ein pragmatischer Ansatz vor. Bis ins konservative Lager hinein wird befürchtet, der Preis für eine Frontalkonfrontation mit dem Westen in der Atomfrage könnte zu hoch sein: Iran würde international isoliert, müsste mit Sanktionen des UN-Sicherheitsrats rechnen und könnte das anvisierte Handels- und Kooperationsabkommen mit der EU vergessen. Zudem würden Israel und Amerika einen Ausstieg aus dem Atomvertrag womöglich als Einladung zu Militärschlägen verstehen. Da erscheint es klüger, auf Konsens zu setzen, mit Europas Hilfe das zivile Atomprogramm weiterzuführen und sich auf diese Weise für die Zukunft alle Optionen offen zu halten.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
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