Iranische Atomgespräche Der Ayatollah hat das Machtwort

Denn deren Folgen spürt Chamenei nicht selbst. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist er Präsident oder Revolutionsführer, durch Personenkult und Sicherheitsmaßnahmen vom Alltag abgehoben. Er glaubt nicht daran, dass die Sanktionen Iran dauerhaft schaden. Im Gegenteil: Durch die Strafen würden die Iraner zur Selbstbesinnung, zur Entwicklung eigener Möglichkeiten und zur Selbständigkeit gezwungen.

Die Realität sieht zwar düsterer aus. Doch für die Parteigänger des geistlichen Führers sind Irans staatliche Unabhängigkeit und nationale Würde ein Fetisch. Unter den Sanktionen leiden fast alle Menschen in Iran. Da aber letztlich allein Chamenei entscheidet, bewirken sie keine Zugeständnisse.

Die politische Klasse ist zerstritten

Im Ausland weniger beachtet wurde, dass Chamenei in seiner Botschaft am Donnerstag auch der politischen Klasse seines Landes die Leviten las. Nie waren der Präsident, das Parlament, die hohen Kleriker, die Revolutionsgarden und die Wirtschaftsführer so uneins. Nie waren gegenseitige Vorwürfe der Korruption, der Willkür, der Protektion so wohlfeil.

Den jüngsten Zwist zwischen Ahmadinedschad und dem mächtigen Clan des Parlamentspräsidenten Ali Laridschani konnte der Führer nur durch ein Machtwort beenden. Bis zur Präsidentenwahl ist jede kritische Diskussion in der Öffentlichkeit verboten. Zuwiderhandlung bewertet das geistliche Oberhaupt als "Verrat".

Dafür, dass die für Juni angesetzte Präsidentenwahl nicht aus dem Ruder läuft, sorgen diverse Institutionen, an erster Stelle der von Chamenei besetzte Wächterrat, der die Kandidaten überprüft und unliebsame aussortiert. Für Präsident Ahmadinedschad wird es schwer sein, in der verbleibenden Zeit noch einen Kandidaten über die Hürden zu bringen, der seine Politik als Strohmann weiterführen könnte. Auf der Seite der Konservativen ist noch nicht klar, welcher der vielen Anwärter das Placet Chameneis erhält. Ob Ex-Präsident Haschemi Rafsandschani, der große Außenseiter im iranischen Machtgerangel, noch einmal ins Rennen geht, ist derzeit ungewiss.

Die gemäßigten Reformer übrigens bringen den früheren Atomunterhändler Hassan Rouhani ins Spiel. Zwischen ihm und den Europäern wurde vor zehn Jahren der Nuklearstreit beinahe einmal beigelegt - hätten damals nicht die Amerikaner ihr Veto eingelegt.