Iran: Proteste bei Montaseri-Beisetzung Welle des Widerstands

Massenproteste in Iran: Mit der Beerdigung von Montaseri ist die Konfrontation keineswegs zu Ende - das Regime in Teheran muss den Großayatollah auch über seinen Tod hinaus fürchten.

Ein Kommentar von Rudolph Chimelli

Das Wort "Trauerarbeit" hat in Iran, wie die Beisetzung des Großayatollahs Hussein Ali Montaseri zeigte, eine eigene Bedeutung. Für das Regime besteht sie darin, Berichte über das Ereignis so weit wie möglich zu verhindern.

Denn was nicht in den TV-Bildern ist, ist nicht in der Welt, so lautet die Logik. Weil Trauer um den Toten einem sichtbaren Bekenntnis zur Opposition gleichkommt, war es diesmal nicht nur Vertretern ausländischer Medien verboten, in das lediglich zwei Autostunden von Teheran entfernte Ghom zu fahren.

Auch die iranischen Zeitungen erhielten Anweisung, auf ihren Titelseiten keine Bilder Montaseris und keine Beileidsbotschaften zu veröffentlichen. Das Internet wurde wieder einmal auf Schneckentempo herabgesetzt.

Dennoch wissen alle Iraner über die parallelen Netzwerke, dass Hunderttausende, wenn nicht Millionen dem ranghöchsten regimekritischen Theologen ihre Sympathie bezeugten: in der Theologen-Stadt, wo er beigesetzt wurde, in der Hauptstadt, in seinem Geburtsort Nadschafabad und anderswo.

Mit der Beerdigung am Montag ist die Konfrontation freilich nicht zu Ende. Sie kann bereits am kommenden Sonntag dramatische Formen annehmen. Denn dieser siebte Tag nach dem Tod, entsprechend schiitischer Tradition der erste große Anlass des Gedenkens an einen Verstorbenen, fällt im Falle Montaseris auf Aschura.

Dies ist jener Tag, an dem die Gläubigen überall in der schiitischen Welt sich mit Prozessionen in mitfühlende Trauer über das Martyrium des Prophetenenkels Hussein hineinsteigern. Dessen Tod in der Schlacht von Kerbela liegt schon mehr als 1300 Jahre zurück, doch für die Weinenden, die sich stundenlang an die Brust schlagen und geißeln, ist seine Passion lebendige Gegenwart.

Hussein aber fiel im Widerstand gegen die ungerechte Herrschaft von Usurpatoren. Montaseri wiederum hat die Macht des Geistlichen Führers Ali Chamenei als Diktatur und die Regierung von Präsident Mahmud Ahmadinedschad für illegitim erklärt: Daraus ergibt sich für alle Unzufriedenen eine Parallele von holzschnittartiger Einfachheit, die für das Regime gefährlich werden kann.

Montaseris Autorität wirkt weiter, denn er hatte als Theologe und Großayatollah ein viel höheres Ansehen als sein Gegner Chamenei, der bei seiner Ernennung zum Geistlichen Führer erst aus dem mittleren Rang des Hodschat-ul-Islam zum Polit-Ayatollah befördert werden musste.

Montaseri sprach deutlich aus, was viele andere kritische Kleriker nur verhalten sagen. Er sah die Zweifel vieler Iraner an der Wiederwahl des Präsidenten, ihre Sehnsucht nach Freiheit, die Ziele der Reformbewegung als berechtigt an. Seine moralisch begründete Haltung machte die offiziellen Verdächtigungen gegen die Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi und Mehdi Karrubi, sie seien Agenten des Auslands, noch absurder.

Montaseri hielt weder den Revolutionsführer Chomeini, als dessen Nachfolger er vorgesehen war, noch sich selber für unfehlbar. Bereitwillig gestand er Irrtümer ein - was die Mächtigen des Regimes niemals tun. Als sich im November der Tag der Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran zum 30. Mal jährte, sagte Montaseri: "Damals war ich dafür, heute nicht mehr. Es war ein Fehler." Solcher Freimut gefiel den Iranern besser als die Sprechchor-Blasen des Regimes.

In der Frühzeit der Islamischen Republik, die er mitbegründet hatte, war Montaseri für den Revolutionsexport. Dem ägyptischen Volk versprach er Hilfe für den Sturz des "Pharao" Anwar el-Sadat. Später sah er ein, Iran sollte durch Vorbild wirken, nicht Kommandotrupps ausbilden. "Gut, wir haben das Recht auf Atomenergie", kommentierte er Ahmadinedschads Politik.

"Aber haben wir nicht auch andere Rechte?" Als ein Journalist Montaseri vor einigen Jahren fragte, ob er die Islamische Revolution noch einmal unterstützen würde, dachte er lange nach.

"Nein", sagte er dann.