Von T. Avenarius

Geistliche in Iran fordern Erklärungen zur Gewalt gegen die Opposition - auch vom geistigen Führer Chamenei selbst.

Die iranische Justiz bringt weitere Regimegegner vor Gericht, doch zugleich gerät der Geistliche Führer Ayatollah Ali Chamenei selbst unter Rechtfertigungsdruck gegenüber Teilen des Establishments. So soll sich ein bislang stets hinter dem islamischen Regime stehender Filmemacher an Chamenei gewandt haben. "Ihre Sicherheitskräfte haben geschossen, Menschen getötet, geschlagen und ihr Eigentum zerstört. Ihre Mitverantwortung dafür darf nicht unerwähnt bleiben", schrieb Muhammed Nurizad in einem offenen Brief, der nach Angaben der Nachrichtenagentur Associated Press im Internet veröffentlicht wurde. "Eine Entschuldigung könnte die Bürger beruhigen."

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Der Geistliche Führer Irans, Ayatollah Ali Chamenei, gerät unter Rechtfertigungsdruck. (© Foto: dpa)

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Von Chamenei, dem obersten Führer des Landes, der in allen politischen und religiösen Fragen das letzte Wort hat, eine Entschuldigung zu verlangen, ist eine Art Majestätsbeleidigung in der Islamischen Republik. Es zeigt, wie sehr die Autorität Chameneis durch die Ereignisse der vergangenen Monate gelitten hat. Nurizad habe betont, dass er Chamenei bisher stets unterstützt habe, hieß es. Jetzt aber sei die Meinungsfreiheit bedroht. Der Filmemacher schrieb demnach weiter: "Als mächtigster Mann im Land haben sie nicht einen einzigen Fehler eingestanden."

In Iran war es nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl am 12. Juni zu massiven Protesten gegen den angeblichen Sieg von Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad gekommen. Polizei und regimetreue Milizen gingen mit großer Härte gegen die Oppositionellen vor, viele wurden verhaftet und gefoltert.

Noch deutlicher kritisieren inzwischen auch bekannte schiitische Geistliche das Regime. So forderte Großayatollah Hussein Ali Montazeri seine hochrangigen Theologenkollegen auf, zu den Ereignissen der vergangenen Monate endlich Stellung zu nehmen: "Das Volk sieht in seiner Unterdrückung ein Vergehen gegen den Islam.

Wie kann es da sein, dass die höchsten Geistlichen nichts dazu sagen?" Der bekannte Theologe Montazeri war einer der engen Weggefährten des Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Khomeini. Er sollte sein Nachfolger werden, wurde aber verdrängt. Er ist seit langem ein Kritiker von Chamenei.

Auch ein Enkel des in Iran wie ein Heiliger verehrten Ayatollah Khomenei zeigte seine Ablehnung. Hasan Khomeini besuchte einen Oppositionellen direkt nach dessen Freilassung aus der Haft: Ali Reza Beheshti entstammt ebenfalls einer bekannten Theologenfamilie und ist ein Berater von Oppositionsführer Mussawi. Der junge Khomenei hatte zuvor schon den umstrittenen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad brüskiert: Er hatte sich bei einer Feierlichkeit geweigert, den Präsidenten am Grab von Ayatollah Khomenei zu begrüßen.

Solche Kritik aus Theologenkreisen ist für die Führung der Islamischen Republik rund um Chamenei und Ahmadinedschad brisanter als der Konflikt mit der säkular auftretenden Opposition: Sie kann die Säulen des Regimes grundsätzlich infrage stellen.

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(SZ vom 16.09.2009)