Irak USA sollen Chemiewaffen-Funde verschleiert haben

Irak im Jahr 2006: Ein britischer Soldat sortiert (konventionelle) Munition, die bei einer Durchsuchung entdeckt worden war. US-Soldaten mussten einem Bericht zufolge die Entdeckung von Chemiewaffen verheimlichen.

(Foto: AFP)
  • Im Irakkrieg fanden US-Soldaten zwischen 2004 und 2011 einem Medienbericht zufolge Tausende Granaten und Raketen mit chemischen Kampfstoffen.
  • Die Soldaten wurden demnach dazu angehalten, ihre Funde zu verheimlichen. Verletzungen durch die Chemiewaffen sollen nicht adäquat behandelt worden sein.
  • Einige der Fundorte werden nun von den IS-Milizen kontrolliert. Noch immer dürften dort viele Kampfstoffe lagern.
  • Könnte der IS die Chemiemunition nutzen? Dafür müssten einige Voraussetzungen erfüllt sein.

Giftige Kampfstoffe im Irak

Im Irakkrieg sind US-Soldaten mehrfach mit chemischen Waffen in Kontakt gekommen und wurden teils von den Kampfstoffen verletzt. Das geht aus einem Bericht der New York Times hervor. Zwischen 2004 und 2011 sollen die US-Streitkräfte etwa 5000 Granaten oder Raketen mit chemischen Kampfstoffen gefunden haben.

Soldaten berichten von Vertuschung

Berichte über die tödlichen Entdeckungen soll das US-Militär bewusst verschleiert haben. Soldaten waren dem Bericht zufolge dazu angehalten, "Nichts Besonderes" auf die Frage zu antworten, was sie denn bei ihren Einsätzen entdeckt hätten. Das berichtete ein Army-Major der NYT. Der Mann war unter anderem vor Ort gewesen, als US-Truppen 2400 mit Nervengas bestückte Raketen auf einem Gelände der Republikanischen Garden entdeckten.

Waffen aus der Zeit des Ersten Golfkriegs

Ein anderer Informant sagte der Zeitung: "Es amüsiert mich, wenn ich höre, es hätte keine chemischen Waffen im Irak gegeben. Es gab jede Menge!" Hintergrund ist die später als falsch entlarvte Auffassung der US-Regierung, der damalige irakische Machthaber Saddam Hussein habe ein Programm für Massenvernichtungswaffen betrieben. Die gefundenen Kampstoffe - oft Senfgas oder Sarin - stammten dem NYT-Bericht zufolge allerdings aus dem Ersten Golfkrieg zwischen dem Irak und Iran in den 1980er Jahren.

In dem Bericht klagen einige Betroffene die US-Regierung an, auf ihre Verletzungen durch chemische Kampfstoffe nicht angemessen medizinisch behandelt worden zu sein. Ein Soldat gab zu Protokoll, er habe sich nicht wie ein Verwundeter, sondern wie ein "Versuchskaninchen" gefühlt.

Chemiewaffen im Westen entwickelt

Besonders peinlich dürfte ein weiterer Aspekt der NYT-Enthüllung sein: In fünf von sechs Fällen, in denen Soldaten von chemischen Giftstoffen verletzt wurden, war das Kriegsmaterial offenbar in den USA entwickelt, in Europa hergestellt und im Irak scharf gemacht worden - in Fabriken, die von westlichen Firmen gebaut worden waren.

IS-Milizen kontrollieren möglicherweise Fundorte

Die Regionen im Irak, in denen US-Soldaten die brisanten Entdeckungen machten, werden dem Bericht zufolge heute teilweise von Kämpfern der Miliz "Islamischer Staat" (IS) kontrolliert. So befinde sich noch heute viel Munition rund um das Al Muthanna State Establishment bei Samarra. Dort wurden in den 1980ern Chemiewaffen hergestellt. Der Komplex befindet sich seit Juni in der Gewalt der IS-Kämpfer. Die irakische Regierung geht der NYT zufolge davon aus, dass noch etwa 2500 Raketen mit chemischen Kampfstoffen auf dem Gelände verrotten.

Könnte der IS gefundene Chemiewaffen einsetzen?

Die fragliche Munition wurde vor 1991 gefertigt. Senfgas kann zwar lange gelagert werden, ohne seine Toxizität zu verlieren. Allerdings war der Zustand der Munition in den dokumentierten Fällen so schlecht, dass sie nicht mehr einsatzfähig sein dürfte.

Nervenkampfstoffe verlieren nach drei bis fünf Jahren zunehmend ihre Giftigkeit. Anders sieht es im Fall von sogenannter binärer Munition aus. In diesem Munitionstyp sind etwa zwei Behälter mit Vorstufen von Sarin enthalten, die sich erst bei der Zündung der Granate vermischen und den Kampfstoff durch chemische Reaktion bilden. Sollte also derartige Munition fachgerecht gelagert worden sein, dann wären sie möglicherweise noch einsatzfähig und können auch heute noch tödliches Sarin verbreiten.