Nach Saddams Sturz streben verschiedene Gruppierungen an die Macht im Irak - einige mit Gewalt, andere mit den Stimmen des Volkes: Schiiten, Sunniten, Kurden - ihre Führer verfügen über reichlich Anhänger und Waffen.
Ali al-Sistani: Die graue Eminenz
Ali al-Sistani, der schiitische Ayatollah, ist omnipräsent. (© Foto: AP)
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Großayatollah Ali al-Sistani ist ein radikaler Islamist, aber kein Terrorist. Der menschenscheue 73-jährige genießt unter Iraks Schiiten allerhöchste Anerkennung. Sein Wort gilt. Und obwohl er sich nicht gerne zeigt ist er omnipräsent: auf Plakaten, Aufklebern, Wandgemälden.
Simpler Handlanger der Theokratie im benachbarten Iran ist al-Sistani jedoch keineswegs. Vielmehr hat er sich beständig für die Trennung von Staat und Religion eingesetzt - im Gegensatz zum früheren iranischen Staatsoberhaupt Khomeini.
Der USA macht der gemäßigte Geistliche keine direkten Schwierigkeiten - er ist für Verhandlungen. Aber gegen seine Einwände können die Amerikaner kaum politische Entscheidungen durchsetzen. Auch setzt er vermutlich nur auf demokratische Wahlen, da die schiitische Bevölkerungsmehrheit so den Weg zu einer Islamische Republik bereiten könnte.
Al-Sistani ist der Nachfolger von Mohammed Bakr al-Hakim, der - nach 23 Jahren gerade aus dem iranischen Exil in den Irak zurückgekehrt - Ende August 2003 kurz nach seiner Ankunft einem Bombenattentat zum Opfer fiel.
Muktada al-Sadr: Der junge Scharfmacher
Der schiitische Prediger ist zwar erst 30 Jahre alt - seine Bedeutung für die Schiiten ist jedoch bereits immens. Al-Sadr kommt aus einer berühmten Klerikerfamilie in Nadschaf. Mohammed Bakir al-Sadr, ein Verwandter des Aufrührers, wurde 1990 im Auftrag des damaligen Diktators Saddam Hussein getötet.
Muktadas Vater, Mohammed Sadik al-Sadr, wurde im Auftrag von Udai Hussein, dem ältesten Sohn Saddam Husseins, 1999 ermordet. Sohn Muktada ist erst nach dem Einmarsch der Amerikaner Irak politisch in Erscheinung getreten - und seine Bedeutung rührt vor allem von seiner Familiengeschichte her.
Für die amerikanischen Truppen ist al-Sadr aufgrund der Gewaltbereitschaft seiner Anhänger eine ernste Gefahr. "Wir werden Zeitbomben sein und in ihrem Gesicht explodieren", drohte er den USA. Vietnam werde im Gegensatz zum Irakkrieg "leicht und einfach" erscheinen.
Das sind keine leeren Worte: 10.000 bewaffnete Anhänger folgen al-Sadr (darunter ein Frauenbatallion) - und er gilt als in der Lage, Hunderttausende von Schiiten schnell zu mobilisieren. Der Prediger ist der Widerpart zum moderaten al-Sistani und streitet für einen Gottesstaat nach iranischem Vorbild - zur Freude der dortigen Hardliner, die al-Sadr unverhohlen als "Helden" bezeichnen.
In den heiligen Städten Nadschaf und al Kufa, Hochburgen der Schiiten, liefern sich die US-Truppen nach wie vor heftige Gefechte. Auf Unterstützung aus der Bevölkerung können sie dort nicht rechnen. Zähe Kämpfe in der Region, die vielen Amerikanern und Irakern das Leben kosteten, zeugen von der unnachgiebigen Kampfbereitschaft der Gefolgsleute der al-Sadr-Dynastie.
Das neue irakische Kurdistan
Vergessen sind frühere Feinseligkeiten zwischen den rivalisierenden Kurdenführern Massud Barsani und Dschalal Talabani: 2003 taten sich ihre Parteien Patriotische Union und Demokratische Partei Kurdistans zusammen, um in Bagdad mit vereinter Stimme zu sprechen.
Die Kurden sind die einzige Volksgruppe im Irak, die die Amerikaner unterstützen - schließlich hatten sie unter den Repressalien des Saddam-Regimes am meisten zu leiden. Der Diktator setzte sogar Giftgas gegen sie ein.
Zur Ruhe kommt die Region aber auch nach Saddams Sturz nicht: Die Anschläge von Erbil im Februar 2004 rissen Dutzende Menschen in den Tod. Die Drahtszieher: vermutlich die al-Qaida nahe stehende Splittergruppe Ansar al-Islam.
Barsani will seinen Kurs trotzdem fortsetzen. Die Anschläge werden "den demokratischen Föderalismus im Irak nicht aufhalten." Ein gefährlicher Konfliktherd ist die kurdische Erdölstadt Kirkuk. Dort waren viele Kurden von Saddam vertrieben worden, der stattdessen Araber angesiedelt hatte. Noch immer pochen die Flüchtlinge auf ihre Rückkehr.
Auch die Kurden üben Kritik an ihrem Verbündeten, den USA: Die Amerikaner hätten die Macht im Irak viel früher abgeben sollen.
Weites Feld für Terroristen
Den Krieg gegen Saddams Armee zu gewinnen, war für die US-Streitkräfte kein Problem. Doch den Frieden hat die "Koalition der Willigen" bis heute nicht gewonnen.
Sie sieht sich hinterhältigen Bombenattentaten ausgesetzt, und der Gegner bleibt meist unsichtbar. "Er ist feige, aber höchst effektiv", meint ein US-Soldat.
Wo nicht die Schiiten gegen die Besatzer kämpfen, sind es vermutlich Reste des Baath-Regimes - etwa Teile von Saddams Geheimdienst oder seine ehemalige Leibgarde Fedayin-Saddam - die die Alliierten immer wieder angreifen.
Andererseits wird die Terrororganisation al-Qaida für viele Anschläge verantwortlich gemacht. Eingesickerte ausländische Islamisten nutzen das Chaos im Nachkriegs-Irak für ihre Operationen. Terror zu verbreiten und die Volksgruppen gegeneinander aufzuhetzen, das ist ihr Ziel.
Besonders aktiv ist die im Irak ansässige Gruppe Ansar al-Islam. Unter der Führung des Top-Terroristen Abu Musab al-Sarkawi aus Jordanien haben die Extremisten den US-Zivilisten Nick Berg entführt und enthauptet.
Sie werden unter anderem auch für das Attentat auf das "Mount Lebanon Hotel" in Bagdad verantwortlich gemacht. Die Terrorgruppe soll auch hinter den Anschlägen auf schiitische Pilger in Kerbela und Bagdad stehen.
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