Schiitische Milizionäre haben die Räumung der US-Kontrollposten in einem Bagdader Armenbezirk erzwungen, nachdem die US-Armee zuvor das Viertel abgeriegelt hatte. Inzwischen kletterte die Zahl der getöteten US-Soldaten auf 103 seit Monatsbeginn.

Die Milizen riegelten den Stadtteil zunächst ab, um gegen eine Sicherheitsoffensive der irakischen und amerikanischen Streitkräfte zu protestieren.

Wütende Schiiten in Sadr City mit einem Bild des radikalen Klerikers Muktada al-Sadr

Wütende Schiiten in Sadr City mit einem Bild des radikalen Klerikers Muktada al-Sadr (© Foto: AP)

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Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ordnete daraufhin die Aufhebung von Kontrollposten an, die die Streitkräfte in der vergangenen Woche auf der Suche nach einem vermissten US-Soldaten um Sadr City errichtet hatten. Alle Absperrungen und Kontrollposten müssten bis zum Nachmittag aufgehoben werden, erklärte Al-Maliki. Solche Maßnahmen sollten nur in den Nachtstunden oder im Notfall gelten. Gemeinsame Sicherheitsaktionen mit den US-Streitkräften würden aber fortgesetzt.

Wenige Stunden nach den Anweisungen des Ministerpräsidenten räumten die amerikanischen Truppen unter dem Jubel der Bewohner die Kontrollposten. Die "Kampagne des Ungehorsams" der Anhänger des radikalen Geistlichen Muktada al Sadr wurde über Lautsprecher der Moscheen in dem Stadtteil verkündet. Bewaffnete Milizionäre errichteten Straßensperren. Zahlreiche Geschäfte in Sadr City blieben geschlossen. Auch in anderen Teilen Bagdads schlossen sich einige schiitische Geschäftsleute dem Protest an und öffneten ihre Läden nicht.

Die US-Armee und die irakische Armee durchsuchen das Schiitenviertel seit Tagen nach einem am 23. Oktober entführten US-Soldaten. Am Sonntag hatten tausende Bewohner gegen die Blockade ihres Viertels demonstriert. Am Montag wurde in Sadr City ein Anschlag verübt, bei dem mindestens 26 Menschen getötet und 60 verletzt wurden.

Anschläge und Massenentführungen

Unterdessen dreht sich die Spirale der Gewalt weiter: Bei einem Autobombenanschlag in Sadr City wurden am Dienstag drei Menschen getötet und fünf weitere verletzt. Die Sprengsatz detonierte am Morgen in der Nähe eines Restaurants und traf das Fahrzeug der drei Opfer, zweier Männer und einer Frau. Erst am Montag waren in dem Viertel bei einem Anschlag 33 Menschen getötet und 59 verletzt worden.

Im Bagdader Stadtteil Schaab steuerte ein Selbstmordattentäter sein Auto in die Gäste einer Hochzeitsfeier und tötete elf Menschen. Unter den Toten waren vier Kinder, wie die Polizei erklärte. Weitere zwölf Menschen erlitten Verletzungen. Der Gewalt im Irak fielen im Oktober nach einer AP-Zählung bereits mehr als 1.170 Zivilpersonen zum Opfer. Damit war der Oktober der Monat mit dem meisten zivilen Opfern seit Beginn der Zählung im Mai vergangenen Jahres.

Am Dienstag wurden erneut fünf gefesselte Leichen in Bagdad gefunden. Der Chef einer Organisation, die das Schicksal von Opfern des Saddam-Hussein-Regimes untersucht, wurde nach Militärangaben am Montagabend in Bagdad ermordet.

Derweil wurden in Al-Tarmija, 40 Kilometer nördlich von Bagdad, nach Angaben der Polizei etwa 40 Schiiten verschleppt. Die mit Pistolen bewaffneten Täter errichteten Straßensperren und stoppten 14 Autos und Minibusse.

Nur Schiiten gekidnapt

Alle Schiiten, die sich in diesen Fahrzeugen befunden hätten, seien von den Kidnappern verschleppt worden, hieß es. Angehörige anderer Konfessionen ließen die Extremisten sofort wieder frei.

Ähnliche Überfälle, bei denen die Entführungsopfer später ermordet wurden, hatte es in der gleichen Region bereits mehrfach gegeben. Sie hatten vor allem in der Ortschaft Balad eine Spirale von Gewalt und Rache zwischen Sunniten und Schiiten in Gang gesetzt.

Erneut kamen US-Soldaten ums Leben. Wie die US-Armeeführung in Bagdad mitteilte, starben zwei GIs bei Einsätzen in der irakischen Hauptstadt. Einer der Soldaten sei im Süden der Stadt mit seinem Fahrzeug über einen Sprengsatz gefahren; der andere sei bei Kämpfen im Westen Bagdads durch Schussverletzungen getötet worden.

Damit stieg die Zahl der im Oktober im Irak getöteten US-Soldaten auf 103. Es war der bislang tödlichste Monat für die US-Truppen im Irak seit mehr als anderthalb Jahren.

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(AP/dpa)