Irak Wehe, wenn die Welle durch die Wüste rollt

Die Mauern der Talsperre am Tigris müssen ständig gewartet werden. Nachdem der IS Mossul eingenommen hatte, geschah nichts mehr.

(Foto: Azad Lashkari/Reuters)

Die Mossul-Talsperre ist so unsicher, dass Experten im Frühjahr den Dammbruch befürchten - Hunderttausende könnten sterben.

Von Tomas Avenarius, Dohuk

Als hätte der Irak nicht genug Probleme. Experten befürchten, die gigantische Mossul-Talsperre am Tigris-Fluss könnte brechen, wenn im Frühjahr in den kurdischen Bergen im Irak und in der Türkei die Schneeschmelze beginnt. Die Folgen wären katastrophal. Die Millionenstadt Mossul, über die der sogenannte Islamische Staat IS seit Sommer 2014 herrscht, würde binnen vier Stunden von einer 20 Meter hohen Wasserwelle überrollt. Das IS-Problem würde so auf "nasse Art" gelöst, spotten Zyniker in der nahen Kurdenhauptstadt Erbil bereits: Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende könnten ertrinken. Neben IS-Kämpfern wären es vor allem die Bewohner von Mossul. Ähnlich bedroht wären die südlicheren Städte Baji und Tikrit. Selbst das Zentrum der 500 Kilometer entfernten Hauptstadt Bagdad würde nach einem Tag von einer Drei-Meter-Welle überspült.

Experten sprechen von einem "deutlich höheren Risiko" eines Dammbruchs als früher angenommen, eine US-Studie wurde nun dem irakischen Parlament vorgelegt. Farhad Amin Atruschi, Gouverneur der nördlich des Dammes gelegenen Kurdenprovinz Dohuk, sagte der Süddeutschen Zeitung: "Irakische Experten wiegeln zwar ab, die Amerikaner bestehen aber auf der unmittelbaren Gefahr eines Dammbruchs. Sie sagen, Mossul, Tikrit und Bagdad seien in Riesengefahr." Neu sind solche Warnungen nicht. Ingenieure der US-Armee warnen seit 2006, dass der Damm auf geologisch ungeeignetem Boden stehe und schlecht gewartet werde. Für die Amerikaner ist die Staumauer am Mossul-See "der gefährlichste Damm der Welt". Auch wenn Bagdads Wasserminister Mohsen al-Schammari vor einigen Tagen noch von einer "1 : 1000"-Wahrscheinlichkeit eines Bruchs gesprochen hatte, erkennt Premier Haider al-Abadi nun offenbar das Risiko. Ein irakisches Regierungsmitglied sagte der Website The New Arab, die Staumauer könne schon im April brechen, "weil der Druck durch Regen und Schneeschmelze" dann stark ansteigt. Dann werde das Wasser "ganze Städte verschlingen".

Das Problem des Riesenprojekts fing an mit dem Spatenstich - es steht auf dem falschen Grund

Westliche Beobachter in der nördlich vom Damm gelegenen Stadt Erbil sind uneins über das unmittelbare Ausmaß, an der Notwendigkeit raschen Handelns zweifelt aber keiner. Die Regierung in Bagdad hat nun in aller Eile ein italienisches Unternehmen mit der Sanierung der Talsperre beauftragt. Doch Ingenieure alleine werden nicht reichen. Die Regierung in Rom will den Experten der Firma Trevi 450 Soldaten mitgeben - nicht weit vom Damm entfernt beginnt das Herrschaftsgebiet des IS.

Die Probleme des 3,5 Kilometer breiten und 135 Meter hohen Staudammes begannen mit dem ersten Spatenstich. Diktator Saddam Hussein hatte den Mossul-Damm am Tigris Anfang der Achtzigerjahre von Schweizer Fachleuten planen und von einem internationalen Konsortium unter Führung der deutschen Firma Hochtief bauen lassen. Die Standortentscheidung für einen Stausee auf erkennbar ungeeignetem Untergrund war politisch. Saddam führte Krieg gegen die Kurden in seinem Land, auf ihrem Siedlungsgebiet im Norden wollte er nicht bauen lassen. Er wollte rund um den neuen Damm lieber Araber ansiedeln und so seine Politik der "Arabisierung" des Nordirak vorantreiben.

Daher wurde die Talsperre weiter südlich errichtet. Der Boden dort ist löslich, das Wasser höhlt den Grund des Sees aus, unterspült die Staumauer. Weshalb von Anfang an klar war, dass der Damm permanent verstärkt werden musste; zur Wartung gehörten von Beginn an tägliche Injektionen eines schnell aushärtenden Spezialbetons, der in entstehende Risse gepresst wird.

Nach dem Sturz Saddams durch die Amerikaner 2003 konnte diese Sisyphos-Aufgabe noch halbwegs erfüllt werden. Mit dem Siegeszug des Islamischen Staats änderte sich das. Die Militanten besetzten das Stauwehr im Juli 2014 für einige Wochen, vertrieben das Personal, zerstörten Gerät und Betonmaschinen. Auch wenn kurdische Peschmergas die Kämpfer des Kalifen wieder vom Damm vertrieben, war die Wartung für längere Zeit unterbrochen. Mit möglicherweise katastrophalen Folgen für das Bauwerk, hinter dem sich mehr als zehn Milliarden Kubikmeter Wasser stauen.

Die Amerikaner schlagen zudem die Einrichtung eines Frühwarnsystems für die Bewohner von Mossul vor. Aber das ist ohne Zustimmung des IS unmöglich. Allerdings fragen sich Beobachter auch, ob die sehr lauten US-Warnungen vor einem baldigen Dammbruch vielleicht nicht nur einen technischen, sondern auch einen militärischen Hintergrund haben. Die Angst vor einer drohenden Sintflut könnte die Einwohner der Millionenstadt gegen die ungeliebten IS-Herrscher aufbringen.

Jedenfalls warnt auch das Berliner Außenministerium: "Die zum Erhalt der strukturellen Stabilität des Mossul-Damms notwendigen Sanierungsmaßnahmen konnten in den letzten Jahren nur unzureichend durchgeführt werden." Wegen der bald beginnenden Schneeschmelze sollte, da sind sich alle einig, zumindest ein Teil des Seewassers kontrolliert abgelassen werden. Doch es gibt Probleme mit den Ablassschleusen. Und von den zwei am Fuß des Damms gelegenen hydraulischen Toren, durch die ebenfalls Wasser abgeleitet werden kann, öffne sich auch nur noch eines, so der Gouverneur von Dohuk. "Dadurch wird der Damm beim Ablassen sehr einseitig belastet. Auch das ist sehr schlecht."