Irak-Krieg "Der Krieg war längst beschlossene Sache"

Der ehemalige deutsche UN-Botschafter Gunter Pleuger über seine damaligen Zweifel an den Kriegsgründen der USA, seine Gefühle während der entscheidenden Sitzung in New York und den Umgang mit Lügen in der internationalen Diplomatie.

Interview: Thorsten Denkler

Gunter Pleuger, 66, war von 1999 bis 2002 Staatssekretär im Auswärtigen Amt, ehe er als ständiger Vertreter der Bundesrepublik bei den Vereinten Nationen nach New York wechselte. Er amtierte knapp vier Jahre lang und vertrat auch im Jahr 2003, als Deutschland einen Sitz im Weltsicherheitsrat innehatte, die ablehnende Haltung seines Landes zum Irak-Krieg.

Gunter Pleuger: "Der Druck der USA auf die Krigesgegner war enorm."

(Foto: Foto: AP (Archiv))

sueddeutsche.de: Herr Pleuger, wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, dass die von den Amerikanern angegebenen Gründe für ein Eingreifen im Irak unzutreffend waren?

Gunter Pleuger: Das drängte sich am stärksten auf, als der damalige amerikanische Außenminister Colin Powell am 5. Februar 2003 im Sicherheitsrat vorgetragen hat. Wir hatten aber auch schon vorher Zweifel, ob die Behauptungen der Amerikaner richtig sind.

sueddeutsche.de: Zweifel oder Gewissheit?

Pleuger: Zweifel. Keiner der beiden Inspektoren - weder Mohammed el-Baradei, der für Atomwaffen zuständig war, noch Hans Blix, der nach allen anderen Waffen suchen sollte - hat in irgendeiner Weise bestätigt, was die Amerikaner und die Briten behaupteten. Insbesondere, dass Saddam Hussein innerhalb von 48 Stunden eine Atombombe zünden oder mit anderen Massenvernichtungswaffen zuschlagen könne.

sueddeutsche.de: Gab es noch weitere Indizien für Ihre Zweifel?

Pleuger: Es gab auch die unsinnige Behauptung, dass Hussein mit dem Terrornetzwerk al-Qaida und den Taliban zusammenarbeite. Der Irak war ein säkularer Staat. Hussein war ein säkularer Diktator. Er sah Osama bin Laden und die Taliban eher als seine Feinde an. Ich habe mich immer, wenn el-Baradei und Blix in New York waren, lange mit ihnen über viele Details unterhalten. Das hat mich in meinem Eindruck bestätigt, dass der Krieg längst beschlossene Sache war.

sueddeutsche.de: Was eine Untersuchungskommission des US-Senats später bestätigt hat...

Pleuger: Richtig. Wir wussten ja vorher nie ganz genau, wann dieser Krieg entschieden wurde, wahrscheinlich schon in der zweiten Juli-Hälfte 2002 im amerikanischen Kabinett.

sueddeutsche.de: Wann hatten die Deutschen erste Hinweise darauf, dass es nicht mehr um das Ob, sondern lediglich um das Wann ging?

Pleuger: Die Amerikaner haben ja schon früh begonnen, ihre militärische Präsenz am Golf dramatisch zu verstärken. Unsere Militärexperten haben uns damals gesagt: Wenn solch eine Armada aufgefahren wird, dann ist das ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr zu stoppen, ohne dass man sein Gesicht verliert und ohne dass die Moral der Truppe zusammenbricht.

Nach der Sicherratssitzung am 5. Februar ging der Aufmarsch der Koalitionstruppen weiter, zugleich gab es mehrere Initiativen, den Inspektoren mehr Zeit für den Abschluss ihrer Arbeit zu geben - die alle von den USA abgelehnt wurden.

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