Interview Tschernobyl - ein Zeichen, das wir nicht verstehen

Der neue Anblick des Bösen: Ein Gespräch mit der weißrussischen Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch über die Lehren aus der Reaktorkatastrophe.

Swetlana Alexijewitsch ist besessen von Tschernobyl. Jahrelang ist sie in die "Zone" gefahren, in das verstrahlte Gebiet, hat sie mit Feuerwehrmännern und Soldaten gesprochen, mit "Liquidatoren", die den verstrahlen Schutt aus der Kraftwerksruine räumten, mit Überlebenden und Rückkehrern.

Die Protokolle hat sie zusammengefasst in ihrem Buch "Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft", das der Berliner Taschenbuch Verlag soeben neu aufgelegt hat, es ist ein Echolot der Katastrophe. Swetlana Alexijewitsch, die in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen ist, lebt derzeit in Schweden. Bis heute, sagt sie, haben wir Tschernobyl nicht verstanden. Es ist ein fremder Text.

SZ: Am 26. April 1986...

Swetlana Alexijewitsch: ... war ich in Minsk, im Krankenhaus. Meine Schwester lag im Sterben, sie hatte Krebs. Die Ärzte hatten uns gerade gesagt, dass es keine Hoffnung mehr gebe, da kamen die Wolken, der schwarze Regen. Am nächsten Tag rief eine Journalistin aus Schweden an und sagte: Weißt du eigentlich, was bei euch passiert ist? Eine weißrussische Freundin saß neben mir und wiegelte ab: Ach, das ist doch nur eine Provokation des Westens.

Ich bin dann bald in die Zone gefahren, in den Bezirk Gomel, um meine Schwester zu beerdigen. Da wurden die Männer schon zur Arbeit zusammengeholt, die ersten Evakuierungen liefen. Alle wussten schon Bescheid.

SZ: Michail Gorbatschow trat erst neun Tage nach dem Unfall an die Öffentlichkeit. Hat Sie das erbittert?

Alexijewitsch: Ach, Journalisten fragen doch immer dasselbe. Hat man Sie belogen? Die Sowjetmacht hat nie die Wahrheit gesagt. Das war doch nichts Neues! Mich interessierte etwas anderes. Mich interessierte die Pause.

SZ: Die Pause?

Alexijewitsch: In der Zone stiegen Hubschrauber auf, Techniker liefen zu Tausenden herum, aber niemand hatte eine Erklärung. Es war eine neue Wirklichkeit. Es war verboten, sich auf den Boden zu setzen. Es war verboten, länger unter einem Baum zu stehen. Angler sagten, dass sie keine Regenwürmer mehr fanden, dass sich die Würmer eineinhalb Meter tief in den Boden gebohrt hatten.

Offenbar hatte die Natur Signale empfangen. Das faszinierte mich. Menschen erzählten, sie hätten nicht nur ein Feuer gesehen, sondern ein himbeerfarbenes Leuchten, sie hätten niemals gedacht, dass der Tod so schön sein kann. Ehemalige Afghanistan-Kämpfer wurden eingeflogen mit Kampfhubschraubern und Maschinengewehren und sagten: Was sollen wir hier mit unseren Hubschraubern? Eine ganze Kultur brach da zusammen, die vertraute Kultur des Krieges.

SZ: Und doch: Die Informationsblockade, die Hybris einer grenzenlosen Technikeuphorie - war Tschernobyl nicht doch eine sowjetische Katastrophe?

Alexijewitsch: Aber in Frankreich und Deutschland hat man doch auch nicht alles gesagt. Niemand konnte sich vorstellen, dass das friedliche und das militärische Atom ein und dasselbe sind. Sicher, Tschernobyl hat die Sowjetunion zum Einsturz gebracht - zusammen mit dem Afghanistan-Krieg. Die Menschen in der Zone warfen die Parteibücher und Komsomol-Abzeichen weg. Man hatte ihnen gesagt: Entweder du bleibst oder du trittst aus. Sollten sie ihre Kinder retten oder der Partei treu bleiben? Was für eine Entscheidung!

SZ: Nach Tschernobyl gab es keine Grenzen mehr, Räume lösten sich auf.

Alexijewitsch: Ich staune immer wieder, dass Tschernobyl bis heute nicht als neue Weltsicht begriffen wird. Tschernobyl hat den Raum verändert, aber bis heute reden Politiker über das Hiesige, Dortige, Nahestehende, Fremde. Das ist seltsam! Was heißt nah oder fern, wenn die Wolke am zweiten Tag über Europa lag, und am vierten über China? Selbst ein Land, das keine Reaktoren baut, wird doch vom Fallout in einem anderen Land getroffen.

SZ: Die Katastrophe als negative Globalisierung...

Alexijewitsch: Tschernobyl hat auch die Zeit verändert. Radionuklide zerfallen in Hunderttausenden von Jahren. Das übersteigt jede menschliche Vorstellungskraft. Und doch rechnen die Politiker die Opferzahlen herunter. Allein in Weißrussland sterben jeden Tag zwei Liquidatoren. Sie haben Dutzende von Krankheiten: Nierenversagen, Infarkte. Kinder haben Strahlenwerte, die um ein Vielfaches über der Norm liegen. Tschernobyl hat gerade erst begonnen.

SZ: Wenn Tschernobyl die Zukunft ist, wie sollen wir damit leben?

Alexijewitsch: In Weißrussland haben sich zwei Katastrophen ereignet: die Katastrophe des Kapitalismus und die kosmische Katastrophe. Erstere können die Menschen begreifen, Armut, Elend, das neue Leben, aber die kosmische Katastrophe nicht. Die Ukraine und Weißrussland sind eine Art Laboratorium, man könnte die Erkenntnisse sammeln, auswerten und an die Menschheit weitergeben.

Aber die weißrussische Regierung vergeht sich am eigenen Volk und an der Menschheit. Ein Wissenschaftler, der nachgewiesen hat, dass schon geringe Strahlungsdosen zu Krankheiten führen können, wurde ins Gefängnis geworfen und erst nach internationalen Protesten freigelassen. Dafür wird viel über Optimismus geredet. Weißrussland ist ein geschlossenes, erbärmliches Land. Mein Buch ist in 21 Staaten erschienen, aber in Weißrussisch verboten. Sonst würden die Menschen fragen: Wo sind die Medikamente? Wo ist der Mess-Service? Wo sind saubere Lebensmittel? Ein totalitäres Regime rettet zuerst sich selbst.