Von Heidrun Graupner

Der Allgemeinchirurg Ernst von Dobschütz ist Assistenzarzt am Universitätsklinikum Freiburg und Mitglied des dortigen Ärztesprecherrats.

SZ: Wie lange arbeiten Sie?

Chirurgen operieren manchmal 18 Stunden am Stück

Chirurgen operieren bis zu 18 Stunden am Stück (© Foto: dpa)

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Ernst von Dobschütz: Im Schnitt sind es 60 bis 70 Stunden in der Woche.

SZ: Und wie lange stehen Sie manchmal im Operationssaal?

Dobschütz: Wenn es dumm läuft, können das auch 16 oder 18 Stunden sein.

SZ: Kann man so lange operieren?

Dobschütz: Das kann man. Dienste aber, die über 24 Stunden hinausgehen, sind unverantwortlich. Und die gibt es in manchen Krankenhäusern noch, jedoch nicht bei uns. Allerdings wurde das Arbeitszeitgesetz jetzt vom Bundesrat ausgesetzt. Das bedeutet für uns eine große Rechtsunsicherheit.

SZ: Gibt es bei Ihnen unbezahlte Überstunden?

Dobschütz: Wir haben im Klinikum eine interne Umfrage gemacht und es hat sich gezeigt, dass zwei Drittel der Überstunden, die Assistenzärzte machen, nicht bezahlt werden. Aber auf Grund der kurzen Verträge, die wir haben, bestehen gewisse Erpressungsmöglichkeiten. Die Ärzte können sich nicht zur Wehr setzen.

SZ: Weil Assistenzärzte darauf angewiesen sind, ihren Facharzt zu machen?

Dobschütz: Genau, und sie werden mit den Verträgen sehr kurz gehalten, gleichgültig ob sie Familie haben oder nicht. Wir haben Ein- bis Zweijahresverträge, und wenn sich einer mit der Verwaltung einen Kampf liefert, dann ist klar, dass sein Vertrag nicht verlängert wird.

SZ: Die Arbeit in den Kliniken ist unglaublich intensiv geworden, immer mehr Patienten werden durchgeschleust.

Dobschütz: Mit den Fallpauschalen steht die Klinik unter einem ungeheuren Druck, die Patientenzahlen nach oben zu treiben. Wir müssen immer mehr leisten und operieren.

SZ: Ist die Forderung nach 30 Prozent mehr Gehalt also berechtigt?

Dobschütz: Die ist berechtigt. Unsere Überstunden werden nicht bezahlt und wir haben in den vergangenen Jahren keinen Gehaltszuwachs gehabt. Wir bekommen nur noch 70 Prozent Gehalt und fordern 100 Prozent für unsere Arbeit.

SZ: Woher sollen die Kliniken das Geld nehmen?

Dobschütz: Das ist ein riesiges Problem. Die Gesundheitsministerin und die Kassen deckeln das Budget, fordern aber mehr Leistung. Und jetzt wollen sie die Privatpatienten aus dem System entfernen und so noch mehr Geld aus den Kliniken nehmen. Der Druck wird dann noch höher werden.

SZ: Ulla Schmidt sagt, dass die gesetzlich Versicherten benachteiligt würden.

Dobschütz: Die medizinische Versorgung ist qualitativ gleichwertig. Das Geld der Privatpatienten bedeutet eine Quersubventionierung: Über sie nehmen wir Geld ein und können den Gesetzlichen den hohen Standard bieten. Die gesetzlichen Kassen versichern zwar 90 Prozent der Patienten, aber tragen nur 70 Prozent der Klinikeinnahmen.

SZ: Das Geld fließt nicht in die Taschen der Chefärzte?

Dobschütz: Es fließt zu 70 bis 80 Prozent in die Klinik. Chefärzte können nach den neuen Verträgen nicht mehr direkt mit den Patienten abrechnen.

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(SZ vom 29.11.2005)