Interview "Offenbar sollen die Spuren alter Geschäfte beseitigt werden"

Wie sich der rote Adel in China vor Korruptionsvorwürfen schützt - und geschützt wird.

Interview von Christoph Giesen

SZ: Mindestens acht Verwandte von aktiven oder ehemaligen Mitgliedern des innersten chinesischen Führungszirkels finden sich in den Panama Papers. Sie alle haben geheime Offshore-Konstruktionen benutzt. Überrascht Sie das?

Sebastian Heilmann: Keineswegs. Dass solche Strukturen existieren und die Familien vieler hochrangiger Kader in China Millionen zur Seite geschafft haben, wissen wir seit Jahren, zumeist jedoch nur aus nicht überprüfbaren Erzählungen von beteiligten Vermittlern. Was lange Zeit fehlte, waren konkrete Summen, die Namen der beteiligten Firmen und Dokumente, die einen Einblick geben. Das kommt nun allmählich ans Licht.

Wann begann die große Selbstbereicherung in China?

Um die Bereicherung von politisch gut vernetzten Familien geht es seit der wirtschaftlichen Öffnung Chinas in den 1980ern. Doch seit etwa 15 Jahren, seit Staatskonzerne vermehrt an die Börse gingen, sind die Summen größer geworden. Was in den 2000ern in Shanghai im Umfeld der Börse ablief, war unglaublich. Viele Kaderfamilien machten damals Kasse. An allen Börsengängen waren Kinder oder Verwandte von Spitzenkadern beteiligt - sie verdienten mit, indem sie ihre politischen Beziehungen spielen ließen, um auch für fragwürdige Unternehmen die Börsenzulassung zu erlangen.

Dazu kam noch Insiderhandel?

Oh ja. Eindrucksvoll hat das die New York Times vor etwa dreieinhalb Jahren am Beispiel der Familie des damaligen Ministerpräsidenten Wen Jiabao gezeigt. Mitglieder seiner Familie deckten sich rechtzeitig mit Anteilen an einer der größten chinesischen Versicherungen ein. Nach dem Börsengang waren diese Anteile Milliarden wert.

Wen Jiabao selbst hielt keine Aktien?

Das nicht, aber er war zu Zeiten des Börsengangs als stellvertretender Ministerpräsident zuständig für die Regulierung des gesamten Finanzsystems.

Die chinesische Zensur reagierte prompt. Die Webseite der "New York Times" ist seitdem in China gesperrt. Warum?

Wenn der Ministerpräsident oder der Generalsekretär kritisiert werden, wird das als Angriff auf das System insgesamt gesehen. Das soll um jeden Preis geschützt werden.

Staats- und Parteichef Xi Jinping kämpft gegen die Korruption im Land. Hunderttausende Kader hat er suspendieren lassen. Etliche hochrangige Funktionäre sind zu langen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Wie ernst meint Xi das?

Es ist zweifelsohne ein Kampf gegen Misswirtschaft, Bestechung und irreguläre Deals, wie etwa Offshore-Transaktionen. Aber: Die Antikorruptions-Kampagne dient zugleich dazu, Xis Macht zu konsolidieren.

Seine eigene Familie scheint Xi zu schonen. Da ist zum Beispiel sein Schwager Deng Jiagui. Ein Multimillionär, der sein Geld mit Immobilien und Firmenbeteiligungen gemacht hat. Auch in der Offshore-Welt ist er, wie die Panama Papers zeigen, sehr rege unterwegs. Warum ist Xis Schwager sakrosankt?

Es ist kaum vorstellbar, dass Xi in seiner eigenen Familie ermitteln lässt. Was wir allerdings beobachten, ist, dass viele Familien sich derzeit von Investments trennen. Offenbar sollen die Spuren alter Geschäfte bereinigt werden. Generell lässt sich sagen, dass in der derzeitigen Antikorruptions-Kampagne die Kinder von erstrangigen Revolutionsveteranen nur in absoluten Ausnahmefällen angegangen werden.

Wer fällt in diese Kategorie?

Dazu gehören vor allem die Nachfahren der Politiker der ersten Stunde, die die Volksrepublik China aufgebaut haben. Die wichtigsten davon nennt die Partei ehrfürchtig die "Acht Ältesten". Hinzu kommen noch Familien von Armeeführern, die maßgeblich an den militärischen Siegen in der Revolution bis 1949 beteiligt waren. Insgesamt geht es heute um vielleicht 20 bis 25 erweiterte Familien, die eine historisch begründete politische Sonderrolle im heutigen China bilden.

Warum ragt ausgerechnet diese Gruppe heraus?

Die Kinder von Revolutions- und Spitzenkadern spielten von Gründung der Volksrepublik China an eine Sonderrolle. In den 1950ern und 1960ern gingen sie gemeinsam auf Spezialschulen in Peking. Dort entstanden Netzwerke, die bis heute halten. Die Nachkommen der Revolutionsveteranen sehen sich als Teil einer politischen Aristokratie. Sie fühlen sich historisch und familiär legitimiert, China zu regieren.

Also handelt es sich um eine Art rote Aristokratie?

Ja, mitsamt vielen Abstufungen und Verzweigungen, wie wir sie auch im europäischen Adel kennen.

Mit Fürsten und einfachen Rittern?

Das größte Selbstbewusstsein haben die Kinder der "Gründerväter" der Volksrepublik. Das prominenteste Beispiel ist Staatschef Xi Jinping selbst. Sein Vater Xi Zhongxun war in den 1930ern Guerillakämpfer und später unter Mao stellvertretender Ministerpräsident. Er gehörte zur ersten Führungsgeneration.

Und wer ist der niedere Adel?

Das ist der Nachwuchs von Spitzenfunktionären, die erst in den 1980er- und 1990er-Jahren Karriere machten. Deren Kinder wurden als Geschäftsleute sehr schnell wohlhabend, spielen aber in der Parteiführung heute nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle.

Warum hat die Kulturrevolution der roten Aristokratie nichts anhaben können? Immerhin wurden viele Veteranen öffentlich kritisiert und abgesetzt.

Im Gegenteil. Diese Erfahrung hat sie eher geeint. Während der Kulturrevolution sind die meisten Väter der ersten Generation mit ihren Familien unter die Räder gekommen. Sie wurden aufs Land geschickt und mussten körperlich arbeiten. Weil es aber nahezu jeden Alt-Revolutionär traf, stärkte dies den Zusammenhalt untereinander. Nach Maos Tod wurden die meisten Veteranen rehabilitiert und in die höchsten Regierungsämter katapultiert. Mit den Wirtschaftsreformen ergaben sich neue Betätigungsfelder.

Vererbt der rote Adel seinen Sonderstatus auch an die Enkelgeneration?

Es sieht fast danach aus. Die Enkel der Männer der ersten Stunde berufen sich auf ihre Großväter, knüpfen aktiv Beziehungen untereinander und treffen sich teils sogar regelmäßig für gemeinsame, vereinsähnliche Freizeitaktivitäten.

Die Tochter von Xi Jinping könnte sich also in der Politik versuchen?

Dafür gibt es zurzeit keine Anzeichen. Sie ist noch sehr jung und erst vor Kurzem vom Studium aus Harvard zurückgekommen. Jedoch: Im Vergleich dazu gehört die Tochter von Ministerpräsident Li Keqiang, der ohne mächtige Familie in höchste Ämter aufgestiegen ist, zum niederen Adel. Vor der Antikorruptions-Kampagne wäre sie wohl dennoch sicher. Attacken gegen ehemalige Generalsekretäre und Ministerpräsidenten und deren Kinder sind bislang nicht vorgekommen. Dazu bräuchte die Führung die Zustimmung von Jiang Zemin und Hu Jintao, Xis Vorgängern im Amt des Parteichefs.

Das heißt also, dass Li Xiaolin, die Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten Li Peng sicher ist? Sie hat über Offshore-Firmen in der Karibik Millionen in der Schweiz angelegt.

Momentan muss sie sich wohl keine Sorgen machen.

Sebastian Heilmann, 51, ist einer der profiliertesten China-Kenner in Deutschland. Er lehrt an der Universität Trier und ist Gründungsdirektor des Mercator Institute for China Studies in Berlin.