Interview mit Wehrbeauftragtem Massenhaft Beschwerden bei der Bundeswehr

So viele Beanstandungen wie noch nie: Der Anteil der Soldaten, die Missstände beklagen, steigt stark an, berichtet der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung". Vor allem die Bundeswehrreform verunsichere die Truppe - und sorge für Chaos.

Von Stefan Braun und Christoph Hickmann, Berlin

Gemessen an der Zahl der Soldaten werden in diesem Jahr voraussichtlich so viele Beschwerden wie noch nie an den Wehrbeauftragten des Bundestags gehen. "Wir liegen jetzt ungefähr 20 Prozent über dem vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres - und das, obwohl die Bundeswehr noch einmal kleiner geworden ist", sagte der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus der Süddeutschen Zeitung. Im Vorjahr seien es noch ungefähr 200.000 Soldaten gewesen, nun seien es etwa 185.000 Soldaten. "Wenn ich das mit einrechne, fällt der Anstieg noch erheblicher aus."

Ungefähr zehn Prozent der Eingaben beziehen sich nach Angaben von Königshaus auf eine Problematik mit der Beihilfe-Abrechnung für Angehörige von Soldaten, die auch ehemalige Soldaten betrifft. Seit einiger Zeit bleiben sie auf Rechnungen von Ärzten, Apotheken oder Krankenhäusern sitzen, zwischenzeitlich hatte sich eine hohe fünfstellige Zahl von Anträgen angestaut. Wenn Angehörige von Soldaten medizinische Leistungen in Anspruch nehmen, muss das Geld erst einmal vorgestreckt werden. Einen Teil der Rechnung übernimmt dann der Dienstherr.

Im Zuge der Bundeswehrreform war auch die Bearbeitung der Beihilfe umstrukturiert worden, Zuständigkeiten wurden neu verteilt. Dadurch entstanden Wartezeiten, die deutlich über das sonst normale Maß hinausgingen. Das Verteidigungsministerium bemüht sich um Besserung, hat das Chaos jedoch bislang nicht vollständig beheben und die Verzögerungen bei der Bearbeitung nicht abstellen können.

Auch darüber hinaus macht Königshaus in der Truppe große Verunsicherung durch die Reform aus. Dass die Zahl der Eingaben vergangenes Jahr leicht gesunken war, führt er auf "eine Art Angststarre" zurück. "Keiner wusste so richtig, wie es mit ihm weitergehen würde", sagte er. "Jeder hatte Sorge, aber keiner wusste, worüber er sich konkret hätte beschweren sollen. Ich habe deshalb aber erwartet, dass die Zahlen wieder nach oben gehen, und das ist passiert." Die Bedeutung seines Amtes sei "also aus Sicht der Soldaten eher gestiegen als gesunken, wenn man es an der Zahl der Eingaben festmacht". Immer wieder belegen auch Umfragen, dass in der Truppe große Verunsicherung herrscht.

Königshaus forderte, die Bundeswehr attraktiver zu machen, damit sie angesichts des demografischen Wandels mit anderen Arbeitgebern um junge Menschen konkurrieren könne. "Stellen Sie sich mal eine Mutter vor, die in den Auslandseinsatz geht. Da ist das Mindeste, eine Kinderbetreuung anzubieten", sagte er. "Das muss auch über das hinausgehen, was die Leute anderswo geboten bekommen." Damit "die Richtigen und die Guten" kämen, müsse die Bundeswehr etwas tun.

Zudem schlug Königshaus vor, das Amt des Wehrbeauftragten für jüngere Politiker attraktiv zu machen, damit es nicht nur von Menschen seines Alters übernommen werde. "Den Soldaten würde das gefallen", sagte er. "Ein Jüngerer könnte manches besser verstehen und nachvollziehen." Königshaus ist 63 Jahre alt und FDP-Mitglied.

Das komplette Interview lesen Sie in der Dienstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung, auf dem iPad und Windows 8.