Interview: Barbara Vorsamer

Die Angst vor einem Terroranschlag ist diffus - aber real, so Psychologe Maragkos. Wie man sie bewältigt, ohne sich verrückt zu machen.

sueddeutsche.de: Wie fühlen sich die Briten im Moment?

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Dr. Markos Maragkos (© Foto: Privat)

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Markos Maragkos: Die Schwierigkeit, die die Briten im Moment haben, ist: Normalerweise versucht ein Mensch, Angst und Unsicherheit soweit wie möglich zu kontrollieren und zu minimieren. Wenn ein Terroranschlag verübt wurde, angekündigt ist oder droht, dann bewirkt das aber eine diffuse, das heißt, schwer kontrollierbare, Angst.

Sie ist zwar insofern konkret, als dass man weiß, was unter Umständen passieren könnte. Man weiß aber nicht, wann und wo es passieren könnte.

Diffuse Angst ist für einen Menschen sehr schwer zu ertragen, weil er sich auf nichts einstellen kann.

sueddeutsche.de: Was bewirkt diffuse Angst - eine Überschätzung der Gefahr?

Maragkos: Das ist individuell sehr unterschiedlich. Von den einen wird die Gefahr unterschätzt nach dem Motto: Jetzt ist gerade etwas passiert, also wird jetzt erst mal nichts mehr passieren.

Andere Menschen reagieren genau andersherum und denken: Wenn gerade etwas passiert ist, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass noch mehr passiert.

Das ist wie beim Roulette: Man setzt auf die Sieben, und hat subjektiv den Eindruck, dass mit jeder Runde, in der die Sieben nicht gefallen ist, die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie bald fällt. Andere Leute gewinnen ein paar Mal mit der Sieben und setzen dann weiter auf sie, weil sie denken, sie wird weiterhin fallen.

Beides ist gleich falsch, denn die Wahrscheinlichkeit ist bei jedem Wurf die gleiche. Genauso ist es mit der Wahrscheinlichkeit, von einem Terroranschlag getroffen zu werden.

sueddeutsche.de: Was wäre die richtige Reaktion?

Maragkos: In der Psychologie stellt sich hier die Frage der Bewältigung, das heißt, des "Coping". Das heißt die Frage: Wie wird man mit einer Stresssituation fertig? Die Engländer befinden sich gerade in einer Stresssituation.

Bei der Bewältigung hat der Mensch zwei Möglichkeiten: das aufgabenorientierte und das emotionsorientierte Coping. Unter Letzterem versteht man, dass die Menschen mit ihren Emotionen hadern und in diesem Stadium gleichsam "hängen bleiben".

Wenn jemand zum Beispiel einen Autounfall hat und emotionsorientiert rangeht, fragt er sich, warum es gerade ihn getroffen hat. Oder er denkt, er hätte nicht mit dem Auto fahren sollen. Oder er mutmaßt, dass ihm nichts passiert wäre, wenn er zehn Minuten später losgefahren wäre, was er vielleicht eigentlich vorgehabt hat.

Aufgabenorientiertes Coping wäre bei einem Autounfall, die Versicherung anzurufen, zum Arzt zu gehen, sich um ein neues Fahrzeug zu kümmern etc. . Mit anderen Worten: Man versucht so rational wie möglich mit der Situation umzugehen und die "Haben-Seite" zu fokussieren, nicht die "Verlust-Seite".

sueddeutsche.de:Zu welcher Art der Bewältigung raten Sie?

Maragkos:Aufgabenorientiertes Coping schneidet in psychologischen Studien immer besser ab als das emotionsorientierte.

sueddeutsche.de:Und wie sollte aufgabenorientiertes Coping bei diffuser Angst vor Terroranschlägen aussehen?

Maragkos:In diesem Fall könnte aufgabenorientiertes Coping heißen, dass man sich rational überlegt, wie man die Situation am besten meistert und dann danach handelt. Zum Beispiel Menschenmengen meiden, den öffentlichen Nahverkehr nicht mehr nutzen oder Ähnliches.

sueddeutsche.de:Nun zielen die aktuellen Terroranschläge und Terrorwarnungen aber vor allem auf die emotionale Ebene ab, oder?

Maragkos: Ja. Bei einem terroristischen Anschlag ist das Ziel nicht nur, Menschen zu töten, sondern vor allem eine Stimmung der Angst und des Kontrollverlustes zu verbreiten. Die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich getroffen zu werden, ist statistisch gesehen gering.

Taktisch gesehen ist es also am besten, rational zu bleiben, weil damit die "Belohnung" der Terroristen, nämlich Angst und Panik zu schüren, ausbleibt.

sueddeutsche.de: Heißt das, der einzelne Mensch sollte am besten gar nicht auf Terroranschläge reagieren und einfach sein Leben weiterleben?

Maragkos: Nicht ganz. Es ist eine gute Strategie, sich nicht verrückt machen zu lassen, aber gar nicht zu reagieren, wäre unklug. Besser ist es, angemessen zu reagieren. Denn Terror ist eine tatsächlich vorhandene Gefahr, Angst davor zu haben, ist ja nicht paranoid.

Nur wenn ich überreagiere, gebe ich innerpsychisch die Kontrolle an die Terroristen ab. Das heißt, man sollte nicht wegen des Terrors sein Leben komplett umstellen und sich total abschotten.

Ich würde aber auch nicht, wenn beispielsweise das Oktoberfest in London wäre, dann da hingehen. So etwas ist eine rationale Überlegung und fällt unter aufgabenorientiertes Coping.

Dr. Markos Maragkos ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians Universität München. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Angst- und Traumaforschung.

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