sueddeutsche.de: Seit einiger Zeit begehren die Deutschen auf. In Volksentscheiden haben sie die Hamburger Schulreform gekippt, sie demonstrieren gegen Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke. In diesen Tagen eskaliert sogar im beschaulichen Stuttgart der Streit um den Bahnhofsneubau. Können Sie erklären, warum die Bevölkerung so aufmüpfig wird? Nimmt die Politik nicht mehr wahr, was große Teile der Bürger tief bewegt?
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Sebastian Krumbiegel sagt: "Ich persönlich singe unsere Hymne nicht, und ich glaube auch nicht, dass ich sie in zehn Jahren singen werde." (© Nilz Böhme)
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Krumbiegel: Nach dem schwarz-gelben Wahlsieg im letzten Jahr war ja abzusehen, dass sich die Politik verändern würde. Gerade was Atom-, Bildungs- und Sozialpolitik betrifft. Und dass sich das die Leute nicht so ohne weiteres gefallen lassen, spricht doch sehr für sie. Ich denke ja manchmal sogar, dass zum Beispiel die Sarrazin-Sache von großen Massenmedien gesteuert wurde, um gerade vom so genannten Atom-Deal abzulenken. Das hat nicht funktioniert - Zigtausende gehen auf die Straße und sagen: So nicht. Die Menschen sind nicht politikverdrossen, sie lassen sich nur nicht gern verarschen, und das wird sich auch bei den nächsten Wahlen niederschlagen.
sueddeutsche.de: Gerade beim Beispiel Stuttgart 21 wird der Ruf nach einer Volksabstimmung immer lauter. Mit Blick auf die Vergangenheit gibt es kaum plebiszitäre Elemente in der Bundesrepublik. Ist die Zeit reif für mehr direkte Demokratie?
Krumbiegel: Ich bin kein Kämpfer für mehr Volksabstimmungen. Was würde zum Beispiel passieren, wenn man das Volk kurz nach einem gruseligen Fall von Kindesmissbrauch über die Todesstrafe abstimmen lassen würde? Oder jetzt bei der unsäglichen Sarrazin-Diskussion - ich glaube nicht, dass Volkes Stimme immer richtig liegt, gerade in einer emotional aufgeheizten Situation. In der Schweiz gibt es das Frauenwahlrecht erst seit den 1970er Jahren - auch ein Resultat von Volksabstimmungen. Bitte verstehen sie mich nicht falsch - ich halte "das Volk" keineswegs für dumm. Ganz im Gegenteil, oft gibt es ein sehr gesundes Volksempfinden, und die Politik sollte nicht so arrogant sein, das einfach weg zu schieben, wie im Fall von "Stuttgart 21". Aber oft denke ich: Es ist schon gut, wie unser Rechtsstaat funktioniert, und die Väter des Grundgesetzes haben sich das schon sehr gut ausgedacht.
sueddeutsche.de: Immer wieder wird auch eine Direktwahl des Bundespräsidenten gefordert - doch das ist Sache der Bundesversammlung. Sie waren zweimal von der sächsischen SPD als Wahlmann nominiert ...
Krumbiegel: ...was mich sehr gefreut hat.
sueddeutsche.de: Am Ende der Präsidentenwahl wird traditionell die Nationalhymne gesungen. Geht Ihnen das leicht über die Lippen?
Krumbiegel: Ehrlich gesagt: Ich kann das nicht, ich krieg das nicht hin. Hitlers Deutschland hat diese Hymne auch gesungen und mit dieser Melodie hat die Wehrmacht Polen überfallen. Es genügt meiner Ansicht nach nicht, eine Strophe weg zu lassen, oder zu verbieten. Was denkt sich ein 90 Jahre alter Mann aus Warschau, wenn er im Fernsehen ein Fußball-Stadion voller Deutscher dieses Lied singen hört? Da schaudert es mich.
Die deutsche Nationalhymne ist für mich einfach negativ konnotiert, genauso wie der Satz: Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. Das Lied kann ja nichts dafür die Musik von Joseph Haydn ist großartig, und auch gegen den Text von Hoffmann von Fallersleben ist in seinem historischen Kontext nichts einzuwenden, aber es hängt eben eine schlimme Geschichte dran. Außerdem denke ich, dass man nur singen sollte, wenn man gern singen will. Es ist ja glücklicherweise jedem frei gestellt, und mir liegt es auch fern, irgendjemanden in dieser Frage missionieren zu wollen. Ich persönlich singe unsere Hymne nicht, und ich glaube auch nicht, dass ich sie in zehn Jahren singen werde.
sueddeutsche.de: Und ihre Kinder?
Krumbiegel: Das ist etwas anderes. Die haben hat mit dem Leipziger Gewandhaus-Kinderchor anlässlich der letzten Fußball-Europameisterschaft verschiedene Hymnen gesungen, auch die deutsche. Damit hatte ich überhaupt kein Problem, im Gegenteil: Das war sehr schön. Vielleicht verhält es sich mit meinen Kindern so wie bei mir und meinem Vater. So wie ich eine andere Sicht auf die DDR habe, wird mein Nachwuchs ein entspannteres Verhältnis zu Deutschland haben.
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Sebastian Krumbiegel im Gespräch "Die Nationalhymne - das krieg ich nicht hin"
03.10.2010, 11:57 2010-10-03 11:57:19
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sueddeutsche.de: Seit einiger Zeit begehren die Deutschen auf. In Volksentscheiden haben sie die Hamburger Schulreform gekippt, sie demonstrieren gegen Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke. In diesen Tagen eskaliert sogar im beschaulichen Stuttgart der Streit um den Bahnhofsneubau. Können Sie erklären, warum die Bevölkerung so aufmüpfig wird? Nimmt die Politik nicht mehr wahr, was große Teile der Bürger tief bewegt?
Sebastian Krumbiegel und die feinen Herren Bild vergrößern
Sebastian Krumbiegel sagt: "Ich persönlich singe unsere Hymne nicht, und ich glaube auch nicht, dass ich sie in zehn Jahren singen werde." (© Nilz Böhme)
Krumbiegel: Nach dem schwarz-gelben Wahlsieg im letzten Jahr war ja abzusehen, dass sich die Politik verändern würde. Gerade was Atom-, Bildungs- und Sozialpolitik betrifft. Und dass sich das die Leute nicht so ohne weiteres gefallen lassen, spricht doch sehr für sie. Ich denke ja manchmal sogar, dass zum Beispiel die Sarrazin-Sache von großen Massenmedien gesteuert wurde, um gerade vom so genannten Atom-Deal abzulenken. Das hat nicht funktioniert - Zigtausende gehen auf die Straße und sagen: So nicht. Die Menschen sind nicht politikverdrossen, sie lassen sich nur nicht gern verarschen, und das wird sich auch bei den nächsten Wahlen niederschlagen.
sueddeutsche.de: Gerade beim Beispiel Stuttgart 21 wird der Ruf nach einer Volksabstimmung immer lauter. Mit Blick auf die Vergangenheit gibt es kaum plebiszitäre Elemente in der Bundesrepublik. Ist die Zeit reif für mehr direkte Demokratie?
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Krumbiegel: Ich bin kein Kämpfer für mehr Volksabstimmungen. Was würde zum Beispiel passieren, wenn man das Volk kurz nach einem gruseligen Fall von Kindesmissbrauch über die Todesstrafe abstimmen lassen würde? Oder jetzt bei der unsäglichen Sarrazin-Diskussion - ich glaube nicht, dass Volkes Stimme immer richtig liegt, gerade in einer emotional aufgeheizten Situation. In der Schweiz gibt es das Frauenwahlrecht erst seit den 1970er Jahren - auch ein Resultat von Volksabstimmungen. Bitte verstehen sie mich nicht falsch - ich halte "das Volk" keineswegs für dumm. Ganz im Gegenteil, oft gibt es ein sehr gesundes Volksempfinden, und die Politik sollte nicht so arrogant sein, das einfach weg zu schieben, wie im Fal
wenn man der Meinung ist, daß der Verfassungspatriotismus im Unterschied zur normalen Auffassung von Volk und Nation keine Milliarden-Transfers zuwege bringt?
Hat der Moderator ein gestörtes Verhältnis zu Volk und Nation? Das Volk hat in Leipzig skandiert: "Wir sind ein Volk" und nicht: "Wir wollen auch eine demokratische Verfassung".
Aber so manche Frage, gerade wenn es um die Linke geht, klingt gerade so, als läge die deutsche Einheit nicht schon 20 Jahre sondern gerade wenige Tage hinter uns.
Der kalte Krieg ist in manchen Köpfen ganz offensichtlich noch nicht zu Ende.
Womit Sebastian Krumbiegel m.E. nicht ganz Recht hat, ist die Frage, ob die DDR-Bürger wirklich für die freiheitlich-demokratische Grundordnung auf die Straße gegangen sind. Es mag welche gegeben haben, die das im Blick hatten. Die meisten Augen waren aber mit Sicherheit zuerst auf die D-Mark gerichtet. Man denke nur an die damals sehr aktuelle Drohung: Kommt die D-Mark nicht nach hier, gehen wir zu ihr.
Und ganz ehrlich, wo bekam man sonst für 100 D-Mark einen Menschen?
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