Interview mit Schirin Ebadi "Ein Analphabet zählt mehr als eine Ministerin"

Wie geht es weiter in Iran? Um die grüne Bewegung ist es ruhig geworden, dafür tobt zwischen Präsident Ahmadinedschad und dem geistlichen Führer Chamenei ein Machtkampf. Die Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi über die Gründe für diesen Konflikt, die Situation der Opposition - und die Frage, ob die Lage der iranischen Frauen doch gar nicht so schlecht ist.

Interview: Johannes Aumüller und Lilith Volkert

Seit vielen Jahren zählt Schirin Ebadi, 64, zu den prominentesten Kritikern des iranischen Systems. Sie war die erste, später abgesetzte Richterin des Landes, saß wegen angeblicher staatsfeindlicher Umtriebe im Gefängnis - und erhielt 2003 als erste muslimische Frau den Friedensnobelpreis. Sie engagiert sich vor allem für die Rechte der Frauen, gründete aber auch ein Kinderhilfswerk und vertrat als Anwältin Oppositionelle und Menschen, die sich keinen Rechtbeistand leisten können.

Am Vorabend der Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 verließ Ebadi Iran, um an einem dreitägigen Kongress in Spanien teilzunehmen - und kehrte danach nicht wieder zurück. Sie hatte es nicht so geplant, doch binnen kürzester Zeit war aus Iran ein grundlegend anderes Land geworden. Das Regime knüppelte die Proteste gegen die mutmaßlichen Wahlfälschungen nieder, es gab viele Verhaftungen und Tote, die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen war auf einmal verboten - schlechte Bedingungen für eine Menschenrechtsanwältin. Seitdem lebt Ebadi im Exil in London.

sueddeutsche.de: Frau Ebadi, wenn früher Freunde von Ihnen aus Iran geflohen sind, haben Sie den Kontakt zu diesen abgebrochen. Sie waren für Sie wie gestorben, heißt es in Ihrer Autobiographie. Nun leben Sie selbst seit zwei Jahren im Exil.

Schirin Ebadi: Ich würde viel lieber in Iran leben. Aber mein Besitz wurde beschlagnahmt, ich bekomme Todesdrohungen. Mein Mann und meine Schwester wurden verhaftet. Zwar sind sie gerade gegen Kaution auf freiem Fuß, doch man hat ihnen die Pässe abgenommen. Ich kehre an dem Tag zurück, an dem ich als Anwältin politische Gefangene vor Gericht vertreten kann. Solange das nicht möglich ist, bin ich im Ausland nützlicher als zu Hause.

sueddeutsche.de: In Iran tobt gerade ein Machtkampf zwischen dem Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad und dem geistlichen Führer Ali Chamenei, der sich in diversen Personalien niederschlägt. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Ebadi: Es gibt nicht nur einen Machtkampf, es gibt drei sehr unterschiedliche Konflikte: Erstens zwischen der Bevölkerung und dem Regime. Zweitens zwischen den Reformkräften und den Fundamentalisten. Und drittens unter den Fundamentalisten selbst. Vor etwa zwei Monaten schlug sich Chamenei, der sich lange neutral verhalten hatte, auf die Seite der Ahmadinedschad-Gegner.

sueddeutsche.de: Was steckt hinter dieser Entscheidung?

Ebadi: Es geht in erster Linie um politische und wirtschaftliche Macht. Nach der Niederschlagung der Protestbewegung im Sommer 2009 hatte Ahmadinedschad das Gefühl, aus einer besonderen Machtposition heraus agieren zu können. Das gefällt Chamenei nicht.

sueddeutsche.de: Aber dennoch stand er lange Zeit zu ihm. Hat Chamenei vielleicht gestört, dass sich Ahmadinedschad als Wegbereiter für den Mahdi sieht, den verschwundenen Imam, der gemäß der schiitischen Glaubensvorstellung eines Tages als Erlöser auf die Erde kommt?

Ebadi: Ahmadinedschad und seine Gefolgsleute waren dabei, einen Gedanken zu etablieren, der der Geistlichkeit nicht gefallen konnte. Sie wollten zeigen, dass sie die Geistlichkeit nicht brauchen, um die Verbindung und den Kontakt mit dem Mahdi aufzunehmen, sondern dazu selbst in der Lage sind. Auf diese Weise schwächten sie die Position von Chamenei, der ja als Vertreter des Mahdi angesehen wird und sich auch so verhält. Aber diese Sache ist nur ein Vorwand, ich bleibe dabei: Es geht einzig und allein um die Macht.

sueddeutsche.de: In zwei Jahren ist Ahmadinedschads zweite Amtszeit vorbei, die Verfassung untersagt ihm eine erneute Kandidatur. Derzeit sieht es so aus, als ob er seinen engen Vertrauten und Freund Maschaie (dessen Tochter ist mit Ahmadinedschads Sohn verheiratet; Anm. d. Red.) als Nachfolger durchsetzen möchte. Was ist Ihre Prognose: Wie entwickelt sich diese Auseinandersetzung?

Ebadi: Das kann man seriös nicht voraussagen. Ich kann nur sagen, dass sich das Regime momentan in seiner schwächsten Phase befindet. Denken Sie an die Streitigkeiten unter den Mächtigen, denken Sie an die Bevölkerung, die dieses Regime nicht mehr will, denken Sie an die desolate wirtschaftliche Situation, die hohe Inflation. Schlimmer geht es nicht.

sueddeutsche.de: Das klingt so, als hätte die grüne Bewegung doch noch Chancen auf einen Erfolg.

Ebadi: Auch das lässt sich nur schwer beurteilen. Die Situation in Iran ist dermaßen desolat, dass es auch für die Oppositionsführer Mussawi und Karrubi schwer wäre, etwas zu verbessern. Aber wenn wir Veränderungen wollen, müssen wir uns dafür einsetzen. Ob das erfolgreich ist, steht auf einem anderen Blatt.