SZ: Die neue Sicherheitsarchitektur läuft auf eine Schwächung der Nato hinaus. Für viele Staaten Europas aber ist das Bündnis nach wie vor ein Sicherheitsgarant. Wie wollen Sie da eine Mehrheit finden?

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Lawrow: Ich habe mit allen Europäern gesprochen und längst nicht alle betrachten die Nato als alternativlos. Viele Europäer, besonders jene, die selbständig denken, haben ein paar Fragen: Ist die Nato überhaupt in der Lage, auch nur ihre selbstgestellten Aufgaben zu erfüllen? Wir wünschen der Nato in Afghanistan keine Niederlage. Wir kooperieren mit den Nato-Staaten, vor allem mit Deutschland und Frankreich, wir erlauben den Transit ihrer Militärtransporte und sind bereit, diese Zusammenarbeit zu erweitern. Aber zuerst muss die Nato ihren internationalen Verpflichtungen nachkommen. Auch im Vertrag zum Nato-Russland-Rat ist das Prinzip der Unteilbarkeit der Sicherheit festgeschrieben. Aber irgendwie funktioniert es nicht. Deshalb wollen wir eine Konferenz einberufen. Ein russisches Sprichwort sagt: Ein Verstand ist gut, zwei sind besser.

SZ: Medwedjew versprach eine "neue Qualität" der Rüstungskontrolle. Derzeit lassen Russland und Amerika aber jeden Abrüstungswillen vermissen.

Lawrow: Wir sind besorgt, weil der Start-I-Vertrag im Dezember 2009 ausläuft. Start-II wurde unterzeichnet, ist aber nicht in Kraft getreten, weil Russland ihn ratifiziert hat, aber Amerika nicht. Wir bemühen uns um einen Anschlussvertrag, aber unsere amerikanischen Freunde haben auf unseren Vorschlag trotz vieler Versprechen nicht geantwortet. Vor einigen Tagen haben sie uns informiert, dass sie uns überhaupt keine Antwort geben können. Ich weiß nicht, ob das mit der innenpolitischen Lage in Amerika zu tun hat oder eine nervöse Reaktion auf das ist, was mit dem Regime Saakaschwili nach seinem Überfall auf Südossetien geschehen ist. Wir sind jedenfalls überzeugt, dass die strategische Sicherheit nicht zur Geisel ideologischer Vorstellungen werden darf. Die "neue Qualität" betrifft eine mögliche Ergänzung des amerikanisch-russischen Dialogs. Wir glauben, dass dieser neue Prozess offen sein muss für alle Atommächte. Vielleicht ist es sogar Zeit, die Hinzuziehung sogenannter nicht anerkannter Atommächte, von Schwellenmächten, zu erwägen. Die Gefahr einer schleichenden Verbreitung der Nukleartechnik ist mit den Händen zu greifen. Die alten Verträge reichen nicht mehr.

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(SZ vom 14.10.2008/woja)