Russlands Außenminister Sergej Lawrow über die Zukunft Georgiens, die Verbreitung der Nukleartechnik und das transatlantische Verhältnis.
Russland will das Verhältnis zum Westen neu austarieren. Kurz vor der internationalen Georgienkonferenz in Genf hat der russische Präsident Dmitrij Medwedjew in Evian erste Details eines euroatlantischen Sicherheitssystems präsentiert, das den Einfluss Amerikas in Europa zurückdrängen soll. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung erläutert sein Außenminister Sergej Lawrow, wie sich Moskau die Neuordnung vom Atlantik bis zum Ural vorstellt.
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Will mehr Gleichberechtigung im transatlantischen Verhältnis: Russlands Außenminister Sergej Lawrow. (© Foto: Reuters)
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SZ: Am Mittwoch beginnt die Nachkriegskonferenz, die sich mit den Folgen des Georgien-Krieges auseinandersetzt. Was will Russland erreichen?
Sergej Lawrow: Zunächst: Es ist keine Konferenz, sondern eine Diskussion. Anfangs wollten wir dort den Status Abchasiens und Südossetiens diskutieren, so wie es der Präsident Medwedjew und der französische Präsident Nicolas Sarkozy verabredet hatten. Aber Georgiens Präsident Michail Saakaschwili hat das abgelehnt. Inzwischen gehört unser Vorschlag der Vergangenheit an, denn der Status Abchasiens und Südossetiens ist für Russland ein für allemal geklärt.
SZ: Sie meinen die Anerkennung der beiden Republiken, der sich bis auf Nicaragua niemand angeschlossen hat.
Lawrow: Deshalb haben Medwedjew und Sarkozy am 8. September beschlossen, dass es um die Sicherheit im Kaukasus gehen soll. Für uns steht fest, dass diese vor allem von Georgien bedroht wird. Wir wollen darüber reden, wie sich künftig aggressive Vorstöße aus Tiflis vermeiden lassen und wer Georgien Waffen geliefert hat. Weiter muss es um die Verantwortung der EU-Beobachter für die Sicherheitszonen um Abchasien und Südossetien gehen. Sie müssen gewährleisten, dass die georgische Armee, wie beschlossen, in den Kasernen bleibt. Und selbstverständlich sieht der Medwedjew-Sarkozy-Plan die gleichberechtigte Teilnahme Abchasiens und Südossetiens an der Diskussion vor.
SZ: Diese werden aber nur in Arbeitsgruppen vertreten sein. Von der EU-Ratspräsidentschaft haben Sie vergeblich die Demilitarisierung Georgiens gefordert.
Lawrow: Alles, was ich bis jetzt gesagt habe, zielt weiter auf die Demilitarisierung des georgischen Regimes ab, denn es hat mehrmals bewiesen, dass es sein riesiges, zum Teil verborgenes Waffenarsenal nicht verantwortungsvoll einsetzt.
SZ: Russland plädiert für eine neue Sicherheitsarchitektur. Diesem neuen Format soll Amerika zwar angehören, zugleich werden die USA und Europa säuberlich auseinanderdividiert. Welche Rolle soll Washington spielen?
Lawrow: Dieselbe wie alle anderen Staaten. Der Hauptgedanke unseres Vorschlags ist ja gerade die Überwindung eines Systems, das Krisen offensichtlich nicht verhindern kann, weil die entscheidenden westlichen Mitspieler einem ideologischen Nato-Zentrismus anhängen. Unser Vorschlag will Prinzipien in die Tat umsetzen, die zwar alle europäischen Staaten und Organisationen unterschrieben haben, die aber nicht verwirklicht werden. Etwa die Unteilbarkeit der Sicherheit: Niemand darf seine Sicherheit auf Kosten anderer gewährleisten. Dieser Gedanke setzt sich übrigens auch auf anderen Gebieten durch. Vor kurzem hat US-Finanzminister Paulson auf dem G-7-Treffen betont, dass zur Überwindung der Finanzkrise niemand eigene finanzielle Sicherheitsinteressen verfolgen dürfe, die andere Mitglieder schädigen. Diese Gleichberechtigung sollte auch in der Verteidigungspolitik gelten. Deshalb wird die Rolle Amerikas zwar sehr wichtig sein, denn es ist noch immer die größte Weltmacht, aber eher in der Art eines Primus inter Pares. Wir können uns nicht mehr vorstellen, dass Amerika allein Entscheidungen trifft, deren Folgen andere Länder ausbaden müssen - wie im Irak-Krieg.
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Bravo Herr Lawrow ! Frau Merkel sollte sich vielleicht einmal mit anderen Gesprächspartnern als amerikanischen unterhalten.
Deutschland kann es eigentlich nicht um den Machterhalt der USA sondern um die Sicherheit für die deutsche Bevölkerung gehen ? Und diese ist seit den Exzessen im Irak, Afghanistan und Palästina sehr gefährdet. Da nützen auch keine Grundrechtseinschränkungen durch die augenblickliche schwarz-rote Regierung nichts.
"Start-II wurde unterzeichnet, ist aber nicht in Kraft getreten, weil Russland ihn ratifiziert hat, aber Amerika nicht."
Die Neocons wollen offenbar wieder eine neue Rüstungsspirale entfachen mit dem Ziel Russland dadurch zu ruinieren, was aber nicht funktionieren wird, denn im Gegensatz zu 1990 ist Russland fast schuldenfrei und sitzt auf einem immer weiter wachsenden Berg Devisen dank der hohen Rohstoffpreise, somit könnte sich das amerikanische wettrüsten als ganz grosser Bummerang erweisen, da die US-Rüstungsausgaben immer astronomishere Höhen erleiden und gleichzeitig die Überschuldung zunimmt und das Wirtshaftswachstum gegen Null tendiert.
Die USA versuchen seit geraumer Zeit (durch Stationierung von amerikanischen Truppen in Ex-Soviet-Ländern rund um Russland, nicht nur Polen oder Tschechien, durch an der NATO vorbei laufende bilaterale Sicherheitsabkommen mit ex-Soviet-Staaten) Russland als Feind zu aktivieren. Selbstverständlich ist ein "eurotransatlantisches" Sicherheits-Konzept nicht im Interesse der USA, ist doch der "military industrial complex" ein wesentlicher Teil der amerikanischen Wirtschaft (Waffen bauen, Waffen in eigenen Kriegen und in US-waffenimportierenden Ländern zerstören, neue Waffen bauen).
Die USA muss lernen, dass Europa diese Kriegsspirale nicht mitmacht und dass für die Europäer ein Krieg mit Russland undenkbar geworden ist.
Obwohl die kommenden Gespräche in Genf den Krieg in Georgien als Aufgänger haben, beinhalten sie die beiden tieferliegenden Fragen: a) Braucht das jetzige und zukünftige Europa Amerika (NATO) für seine geografische Sichertheit. b) Wie wird Russland, das in wesentlichen Teilen zu Europa gehört, in die Sicherheit Europas einbezogen?
Ohne Einbezug Russlands gibt es keinen dauerhaften Frieden in Europa, und das ist es, was die europäischen Bürger am meisten wollen und brauchen: Sicherheit, dass es auf dem europäischen Kontinent keine Kriege mehr gibt.
Der russische Außenminister verweist zurecht darauf, dass die Rolle der USA, die unter der Bush-Administration immer eigenmächtiger und ohne Rücksicht auf die Interessen der Verbündeten zu nehmen auch rückfällig in Kalte-Kriegs-Mentalität geworden ist, beendet werden muss.
Die USA als Primus inter Pares, also als Gleicher unter Gleichen, sind gewiss ein ganz wichtiger Partner in der transatlantischen Sicherheitsarchitektur - mehr aber auch nicht.
Die teilweise unverschämte Art der Bush-Administration, das im Zeichen des Terors verzerrte Sicherheitsbedürfnis allen Partnern aufzuwingen (siehe Raketen in Polen und Tschechien), muss ein Ende haben.
Für uns Deutsche, für uns Europäer ist Russland mindestens ein genau so wichtiger Partner wie die USA.
Egal wie der neue USA-Präsident auch heißen wird: Er wird das verinnerlichen müssen...
Phönix aus der Asche.
Russland meldet sich im Reigen der grossen Mächte zurück und will wieder ein gewichtiges Wort mitreden.
So deutlich wie in diesem Interview wurde der Status der USA schon lange nicht mehr herabgesetzt - zurecht.
Grundsätzlich kann ich dem Gesagten schon etwas abgewinnen, da sich die Nato tatsächlich überholt hat und eine neue Sicherheitsarchitektur notwendig ist (Dank der "Vergewaltigung" durch die USA).
Trotzdem bleibt hier leises Unbehagen zurück, dass hintergründig gerade jetzt eine Situation ausgenutzt werden soll, die westlichen Demokratien auseinander zu dividieren.
Man wird sehen wie es weiter geht.