Von Ein Interview von Judith Raupp

Der Präsident des Internationalen Roten Kreuzes, Jakob Kellenberger, über die geheimen Gefangenen der USA, Besuche in Guantanamo und die afrikanische Not.

Jakob Kellenberger wurde 1944 in der Schweiz geboren. Er arbeitete viele Jahre für das eidgenössische Außenministerium und koordinierte die bilateralen Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und der Schweiz. 2000 wurde er Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) mit Sitz in Genf. Das IKRK hat von der internationalen Staatengemeinschaft den Auftrag, in kriegerischen Auseinandersetzungen Soldaten, Gefangene und Zivilpersonen zu betreuen.

"In Guantanamo sind wir alle drei Monate vier bis fünf Wochen": Gefangener mit seinen amerikanischen Bewachern (© Foto:)

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SZ: Herr Kellenberger, die USA verschleppen Gefangene, die sie als Terroristen verdächtigen, an geheime Orte. Was wusste das IKRK darüber?

Jakob Kellenberger: Ich bin sehr überrascht, dass man die Problematik der geheimen Haftorte erst jetzt entdeckt hat. Wir haben schon im Januar 2004 unsere Sorge darüber geäußert, dass es eine nicht bekannte Zahl von Gefangenen an unbekannten Orten gibt, zu denen wir keinen Zugang haben. In der Öffentlichkeit wurde das damals kaum wahrgenommen.

SZ: Was hat das IKRK unternommen?

Kellenberger: Wir führen dazu den Dialog mit der amerikanischen Regierung.

SZ: Und mit den Europäern? Die wussten teilweise auch von den Gefängnissen.

Kellenberger: In dieser Sache sind die Amerikaner unsere Gesprächspartner. Wir wollen alle Häftlinge besuchen, die im so genannten Krieg gegen den Terrorismus festgesetzt werden.

SZ: Der Dialog bringt offenbar nicht viel?

Kellenberger: Doch, aber es trifft zu, dass wir nicht zu allen Gefangenen Zugang haben. Es handelt sich wahrscheinlich um eine kleine Anzahl. Aber das IKRK besucht Tausende Häftlinge in Guantanamo, Afghanistan und im Irak. In Guantanamo sind wir alle drei Monate vier bis fünf Wochen.

SZ: Trotz Intervention des IKRK sitzen die Gefangenen dort immer noch fest. Frustriert Sie das?

Kellenberger: Wenn wir uns frustrieren lassen würden, weil wir nicht alles in der gewünschten Zeit erreichen, könnten wir unsere Arbeit einstellen. Die Besuche des IKRK in Guantanamo waren ja nicht nutzlos. Wir haben einiges erreicht. Bezüglich des Rechtsstatus der Gefangenen sind wir den Amerikanern aber nicht näher gekommen.

SZ: Das IKRK hat die Folter im irakischen Gefängnis Abu Ghraib angeprangert, nachdem die Zustände aufgrund einer Indiskretion öffentlich wurden. Hätten Sie nicht viel früher reagieren müssen?

Kellenberger: Wir hatten schon Monate vor der Veröffentlichung eines vertraulichen IKRK-Berichts, die übrigens ohne unsere Zustimmung geschah, in Gesprächen mit den Amerikanern bewirkt, dass die Haftbedingungen verbessert wurden. Wir gehen nur an die Öffentlichkeit, wenn systematische, schwere Verletzungen des humanitären Völkerrechts stattfinden und wiederholte vertrauliche Gespräche mit den Behörden nicht fruchten.

Außerdem müssen unsere eigenen Leute selbst die Missstände bezeugen können und es darf den Gefangenen nicht schaden, wenn wir an die Medien gehen. Wir müssen uns an strenge Vertraulichkeitsregeln halten. Denn es besteht die Gefahr, dass wir Gefangene nicht mehr besuchen und sie nicht mehr mit ihren Angehörigen kommunizieren dürfen, wenn wir Missstände publik machen. Opportunismus gibt es bei uns aber nicht. In den vertraulichen Gesprächen sprechen wir Klartext.

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