Von Interview: Tobias Matern und Paul-Anton Krüger

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung spricht Pakistans Außenminister Shah Mahmood Qureshi über die Rolle seines Landes im Kampf gegen den Terrorismus und die Defizite der Nato-geführten Isaf-Mission in Afghanistan.

Pakistans Außenminister Shah Mahmood Qureshi, 53, gehört der von der Bhutto-Familie dominierten Pakistan Peoples Party an und ist seit 31. März 2008 im Amt.

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"Lassen Sie sich mit den Einheimischen ein": Das rät der Außenminister Pakistans, Shah Mahmood Qureshi, den USA. (© Foto: AP)

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SZ: Vizepräsident Joe Biden hat gesagt, seine Regierung werde in der Außenpolitik den Rat verbündeter Länder einholen. Was ist Ihr Rat beim Thema Afghanistan und Pakistan, die Hauptschauplätze im Kampf gegen den Terrorismus sind?

Qureshi: Unser Rat wird sein: Lassen Sie sich mit den Einheimischen ein, denn sie verstehen die örtliche Kultur, Traditionen und religiösen Werte in der Gegend. Die Religion ist ein sehr wichtiger Faktor in Afghanistan und Pakistan. Die Einheimischen kennen das Terrain und die Regierungsangelegenheiten Afghanistans und Pakistans. Entwickeln Sie eine Strategie in Absprache mit ihnen. In Washington zu sitzen und aus den Think Tanks heraus mit einem Vorschlag zu kommen, wäre wohl nicht genug. Beziehen Sie die Leute vor Ort ein.

SZ: Schließt das die Taliban mit ein?

Qureshi: Ja, das ist damit gemeint. Wir sollten sie nicht übersehen. Trotz siebenjähriger Militärpräsenz, trotz Milliarden Dollar und der Militärmaschinerie, die die Nato dort beschäftigt, gibt es viele Gegenden, in denen die Regierung und die Nato-Truppen abwesend sind. Sie (die Taliban, d. Red.) sind ein Element, um eine Versöhnung zu erreichen. Es gibt Vertreter bei ihnen, die dies wollen.

SZ: Die Nato hat Zehntausende Soldaten in Afghanistan, Pakistan hat mehr als 100.000 Soldaten im Grenzgebiet. Dennoch ist die Lage düster, die Terroristen sind stark wie lange nie. Woran liegt das?

Qureshi: Die Streitkräfte, die wir dort im Einsatz haben, sind dafür ausgebildet, konventionelle Kriege zu führen und nicht dafür, Militante zu bekämpfen, die zuschlagen und sich dann verstecken. Es braucht nicht viele Leute und auch keine anspruchsvollen Waffen, um Unruhe zu erzeugen. Ein Selbstmordattentäter reicht aus, um Schrecken zu verbreiten und Unsicherheit hervorzurufen Es ist eine andere Form der Kriegsführung, andere Strategien, andere Taktiken sind also nötig. Wir müssen uns zusammensetzen und eine neue Strategie durchdenken, die wir dann anwenden.

SZ: Wie sollte diese Strategie aussehen?

Qureshi: Es muss eine umfassende Strategie sein. Nicht nur die militärische, sondern auch die menschliche, die wirtschaftliche Seite müssen darin beinhaltet sein, auch die institutionelle Seite, die Infrastruktur, die eine gute Regierungsführung ermöglicht, müssen im Blick bleiben.

SZ: Westliche Regierungen sehen auf der pakistanischen Seite des Grenzgebiets zu Afghanistan die Hauptbasis und das zentrale Rückzugsgebiet für die Terroristen. Wie sehen Sie das?

Qureshi: Das ist eine grob vereinfachte Sicht. Es gibt Probleme auf der pakistanische Seite des Grenzgebiets, es gibt Elemente, gegen die wir dort kämpfen. Aber diese Situation ist nicht nur auf Pakistan bezogen. Terroristen und ihre Sympathisanten sind auch jenseits von Pakistan aktiv, sogar jenseits von Afghanistan. Wir sprechen deshalb über einen regionalen Ansatz, der breiter gefasst ist und nicht nur einen spezifischen Pakistan- oder Afghanistan-Ansatz. Dem Drogenhandel zum Beispiel wurde bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Frage ist: Warum ist der Drogenanbau in Afghanistan gewachsen, obwohl so viele Nato-Truppen dort sind?

SZ: Was ist Ihre Antwort darauf?

Qureshi: Das muss die Nato beantworten. Vor ihrer Nase werden die Felder kultiviert, wird Mohn angebaut. Das Geld daraus nutzen die Terroristen, um sich und ihre Operationen zu finanzieren. Die Nato operiert in Afghanistan isoliert. Selbst innerhalb der Nato gibt es mangelhafte Koordinierung, das ist eine Schwäche.

SZ: Kann der Westen diesen Konflikt überhaupt gewinnen?

Qureshi: Deshalb sagen wir ja, sie müssen einen Ansatz übernehmen, in dem die Menschen sie als Freunde betrachten, nicht als fremde Truppen, die ihr Land besetzen. Afghanistan ist ein Land, das sich ausländischen Besatzern stets widersetzt hat. Das zeigt die Geschichte. Natürlich ist dieser Kampf nicht mit den vorherigen zu vergleichen. Er ist international genehmigt, die Vereinten Nationen stehen dahinter, er basiert auf einer Vereinbarung mit der afghanischen Regierung. Dennoch haben die Leute Probleme mit den ausländischen Truppen. Die Isaf-Truppen haben ihre Prioritäten und die stimmen nicht immer mit den Prioritäten der Menschen überein. Es muss mehr Koordinierung geben, zwischen den Einheimischen und den internationalen Truppen.

SZ: Die Bush-Regierung hat mit unbemannten Drohnen auf pakistanischem Gebiet Terroristen aus der Luft bombardiert, worauf Sie offiziell immer sehr kritisch reagiert haben. Obama scheint diese Praxis nun fortsetzen zu wollen. Werden Sie das hinnehmen?

Qureshi: Die Obama-Regierung ist noch sehr neu. Sie haben noch nicht genug Zeit gehabt, um sich zu überlegen, wie effektiv dieses Vorgehen ist. Aus Pakistans Sicht ist diese Strategie kontraproduktiv, sie schreckt die Menschen ab. Wenn dieser Kampf über die Herzen und den Verstand der Menschen gewonnen werden soll, dann kann ich nur sagen, dass diese Strategie den genau gegenteiligen Effekt hat. Diese Angriffe spielen wegen der zivilen Opfer den Extremisten in die Hände. Wenn unschuldige Leben verloren gehen, gibt es den Extremisten einen enormen Propagandaschub. Es verstärkt ihre Argumentation: Hier sind Leute, die unser Land besetzen und unsere Leute umbringen, sagen die Extremisten. Die Amerikaner haben uns als ihren Verbündeten, sie sollten uns vertrauen, dass wir die Aufgabe erledigen können.

SZ: Aber nicht nur die USA haben das Gefühl, das Pakistan der Aufgabe nicht gewachsen ist.

Qureshi: Wir könnten das selbe auch andersherum sagen: Die letzten sieben Jahre haben gezeigt, dass sie der Aufgabe vielleicht nicht gewachsen sind, oder vielleicht haben sie die Aufgabe noch nicht verstanden. Selbst wenn man die menschliche Seite, die Entwicklungsseite einmal ausklammert, stellt sich immer noch die Frage: Wie erfolgreich waren sie militärisch? Sie werden es nicht hinbekommen ohne die Hilfe der Menschen in Pakistan. Das hat die Geschichte gezeigt. Bis sie nicht die Unterstützung dort bekommen, werden die Erfolge begrenzt sein.

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(sueddeutsche.de/cag)