sueddeutsche.de: Die meisten Folteropfer brauchen psychologische Hilfe, weil sie traumatisiert sind.

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Rechtsfreie Zone in Guantanamo Bay: Ein Wächter läuft durch einen Zellenblock von Camp Delta (© Foto: dpa)

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Kurnaz: Das stimmt. Jemand, mit dem ich mich im Lager angefreundet hatte, ist jetzt auch wieder frei. Aber er redet nicht mehr, nicht mal mehr mit seinen Eltern. Er ist psychisch total kaputt. Es gibt viele Ex-Häftlinge, die Probleme haben.

sueddeutsche.de: Das System Guantanamo ist offenbar auch darauf ausgerichtet, die Insassen zu brechen. Bei Ihnen hat das nicht gegriffen. Wie erklären Sie sich das?

Kurnaz: Auf jeden Fall hat mir mein Glaube viel geholfen. Im Islam ist es wichtig, geduldig zu sein und sich zu beherrschen in schlimmen und auch in guten Situationen. Aber wie ich das alles überstanden habe, das frage ich mich manchmal auch.

sueddeutsche.de: Träumen Sie hin und wieder von Guantanamo?

Kurnaz: Seltsamerweise gar nicht. Meistens träume ich von Essen, das ich gerne mag. Manchmal würde ich gerne vom Lager träumen, weil ich manche Gefangenen vermisse, mit denen ich Freundschaft geschlossen habe. Weil ich dort war, verstehe ich einige Dinge heute viel besser.

sueddeutsche.de: Was zum Beispiel?

Kurnaz: Wenn ich im Fernsehen einen Film über Hunger in Afrika sehe. Früher war ich kurz betroffen, aber das war's dann auch. Kurze Zeit später hatte ich es vergessen, wie die meisten Menschen. Wenn ich heute Menschen sehe, die nichts zu essen habe, dann tun die mir viel mehr leid. Im Lager habe ich Hunger und Durst durchgemacht.

sueddeutsche.de: Herr Kurnaz, Sie sind kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nach Pakistan geflogen. War es im Nachhinein naiv, diese Reise anzutreten?

Kurnaz: Der Krieg in Afghanistan hatte ja damals noch nicht begonnen und außerdem bin ich ja nach Pakistan geflogen. Da war damals alles friedlich. Aber eins ist auch klar: Heute würde ich es nicht mehr machen.

sueddeutsche.de: Würden Sie heute in die USA reisen?

Kurnaz: Ja, würde ich sehr gerne. Mich reizen aber nicht so sehr die Hochhäuser, sondern die Natur. Die muss toll sein.

sueddeutsche.de: Sorgen Sie sich nicht, dass Sie von den Amerikanern erneut als Terrorist verdächtigt und misshandelt werden würden?

Kurnaz: Doch, zurzeit schon. Deshalb würde ich auch momentan nicht nach Amerika fliegen. In der Zukunft habe ich es vor. Das kann in einem Jahr sein, oder auch in zwanzig Jahren.

sueddeutsche.de: Haben Sie einen Groll auf Amerikaner?

Kurnaz: Nein. Es gibt ja auch viele, die mich unterstützt haben. Während ich in Guantanamo gefangen war, haben mir Tausende Amerikaner Briefe geschrieben. Die durfte ich aber nie lesen - bis zu meiner Freilassung.

sueddeutsche.de: Was stand in den Briefen?

Kurnaz: Alles Mögliche. Zum Beispiel: Es tut uns leid, was unsere Regierung Dir antut. Oder: Wir tun unser Bestes, Dich da rauszuholen. Verzeih' uns. Frohe Weihnachten! Bei meiner Freilassung habe ich die Briefe alle bekommen, aber nur als Farbkopien. Es war ganz viel Post von Kindern dabei. Und teilweise waren einzelne Wörter zensiert.

sueddeutsche.de: Glauben Sie, dass der Nachfolger von Präsident Bush das Lager schließen wird?

Kurnaz: Das ist nicht so einfach, auch wenn der neue Präsident das will. Es gibt viele Gefangene, über die man sagt, dass ihnen Folter in ihren Heimatländern droht. Es gibt zum Beispiel die Uiguren - sie sind unschuldig - die nicht nach China zurück können aus diesem Grund. Sie warten darauf, dass irgendein Land sie aufnimmt. Die USA weigern sich bislang, ihnen Asyl zu gewähren.

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(sueddeutsche.de/jja)