sueddeutsche.de: Die Unterdrückung der Chinesen nahm durch noch strengere Kontrollen zu, Hunderttausende Menschen verloren während der Vorbereitungen der Olympischen Spiele ihre Häuser. Denken Sie, dass das chinesische Volk trotzdem einen Nutzen aus den Spielen ziehen kann?

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Jaenicke: Sehr gute Frage. Für die Menschenrechtsaktivisten hat sich die Situation erschwert. Ich gehe aber davon aus, dass sich die bislang nicht systemkritischen Chinesen nun in irgendeiner Form mit ihrer Regierung auseinandersetzen müssen. Die Chinesen selbst sind durch die massive Zensur so miserabel informiert, dass sie zum größten Teil gar nicht wissen, was bei den Uiguren, in der Mongolei und in Tibet los ist.

Es kann sein, dass die dadurch ein bisschen mehr Aufklärung erfahren. Das ist aber auch wieder ein naiver, hoffnungsvoller Gedanke. Das Einzige, was dem Land wirklich etwas bringen würde, wäre eine Demokratisierungsbewegung und die ist im Moment nicht sichtbar.

sueddeutsche.de: Strenge Sicherheitsvorkehrungen und die Reaktion auf den letzten Anschlag in Xinjiang, bei dem sieben der mutmaßlichen Täter erschossen wurden, schrecken Demonstranten ab. Gehen Sie trotzdem davon aus, dass es im Verlauf der Spiele weitere Proteste geben wird?

Jaenicke: Diese "Students for A Free Tibet" sind sehr mutig. Ich hoffe, dass sie sich nicht so leicht einschüchtern lassen. Die Chinesen werden einen Teufel tun, Europäer oder Amerikaner umzunieten, das wäre schließlich schlechte Eigen-PR. Ich denke, dass sie bei ihren eigenen Leuten rücksichtslos zuschlagen und hoffe, dass ausländische Demonstranen weitermachen. Mir wird wegen meines Engagements für Tibet leider die Einreise nach China verweigert, sonst wäre ich sofort dabei gewesen.

sueddeutsche.de: Im letzten Jahr haben Sie eine Dokumentation über tibetische Flüchtlinge in Indien gedreht. Wie haben Sie die Situation vor Ort erlebt? Hat Sie diese Erfahrung zu der kritischen Haltung gegenüber China gebracht?

Jaenicke: Ich habe vorher schon gesunde Vorurteile über die Chinesen gepflegt und habe auch nicht unbedingt erwartet, dass diese korrigiert werden. Und es wurde noch viel schlimmer. Ich habe ungefähr 40 Flüchtlingskinder interviewt, die zum Teil als Siebenjährige in den chinesischen Knästen in Lhasa gelandet sind.

Was die noch für Geschichten aus Tibet erzählen, das ist hanebüchen. Im Gegensatz zu den Brachialmethoden der Nazis damals wie Gaskammer oder Massenerschießung gehen die Chinesen einfach viel subtiler und mit einer unendlichen Geduld vor. Sie nehmen sich 50 Jahre Zeit, um so eine Kultur ganz langsam klein zu kriegen.

Es werden keine Tibeter angestellt, weil sie natürlich kein Chinesisch reden, es wird aber gleichzeitig verhindert, dass tibetische Kinder Chinesisch lernen. So werden diese direkt in die Arbeits- und Obdachlosigkeit dirigiert. Die Raffinesse des chinesischen Regimes verschlägt einem die Sprache.

Erfahren Sie, was China mit dem Aussterben der Orang-Utans zu tun hat...

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