Wenn man mir heute einen über den Schädel haut, dann war's das eben, sagt Günter Wallraff. Der Undercover-Journalist erzählt im Gespräch mit sueddeutsche.de, was ihn antreibt, wieso es ihm an Selbstbewusstsein fehlt - und warum Jesus für ihn ein Vorbild ist.
Günter Wallraff, Jahrgang 1942, ist der wohl bekannteste deutsche Enthüllungsjournalist. Seine Methode, sich incognito bei Konzernen einzuschleichen, um Missstände zu dokumentieren, prägte diese Form des investigativen Journalismus: Inzwischen steht dafür das Verb "wallraffen". Das folgende Gespräch fand in Hamburg statt.
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(© Foto: dpa)
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sueddeutsche.de: Herr Wallraff, haben Sie noch viele Geheimnisse?
Günter Wallraff: Nein. (Pause) Also gut, das, was ich gerade in Arbeit habe, die Informanten, die sich mir anvertrauen: Das sind absolute Geheimnisse. Da würde ich mich eher zerhacken lassen, als etwas zu sagen.
sueddeutsche.de: Sie sind also wieder undercover unterwegs?
Wallraff: Ja, aber jetzt habe ich ein paar Tage ausgesetzt. Mehr möchte ich nicht sagen.
sueddeutsche.de: Sind Sie eigentlich stolz auf Ihre Arbeit?
Wallraff: Ein Gefühl wie Stolz kenne ich nicht. Aber froh bin ich.
sueddeutsche.de: Würde es Sie freuen, wenn der Staat eines Tages sagte: Vielen Dank, Günter Wallraff?
Wallraff: Nach dem Erfolg von "Ganz unten" wurde ich mehrmals für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Die schrieben mich an und fragten nach meinen sonstigen Verdiensten. Ich habe nicht reagiert, denn ich finde, Orden stehen mir nicht.
sueddeutsche.de: Hegen Sie eine Antipathie gegen den Staat?
Wallraff: Nein, ich lehne den Staat nicht ab. Ich bin Bestandteil und Produkt dieser Gesellschaft und möchte hier weiter leben. Aber mein Verhältnis ist ambivalent. Ich schwanke zwischen Distanz und Nähe: Oft zieht es mich in die Ferne. Wenn ich längere Zeit weg bin, fühle ich mich sehr stark zurück gezogen.
sueddeutsche.de: Fühlen Sie sich in der Bundesrepublik heute wohler als vor 40 Jahren?
Wallraff: Die gesamtgesellschaftlichen Möglichkeiten haben sich deutlich verbessert. Es sind Schranken durchbrochen worden - Folgen der 68er-Bewegung, die ich eher positiv sehe, auch wenn es negative Seiten gab. Es sind Minderheitenrechte durchgesetzt worden, Kinderrechte, Frauenrechte. Sexuelle Orientierungen werden nicht mehr diskriminiert.
sueddeutsche.de: Gerichte haben immer wieder zu Ihren Gunsten entschieden, wenn Sie sich mit falscher Identität in einen Konzern eingeschlichen haben und anschließend angezeigt wurden. Nicht alle Enthüllungsjournalisten goutieren ihre Arbeitsweise. Für einige sind Sie eher ein Künstler.
Wallraff: Ich bin vieles und entziehe mich einer vordergründigen Etikettierung. So eine Arbeit, wie ich sie entwickelt habe, machen zu wenige. Nur: Es kann auch missbraucht werden, und zwar wenn es zum Selbstzweck wird.
sueddeutsche.de: Wo liegt die Grenze?
Wallraff: Dort, wo sie der Stärkere dem Schwächeren gegenüber anwendet, dort wo der private, der intime Bereich beginnt, da hat die Methode nichts zu suchen.
sueddeutsche.de: Haben Sie diese Grenze auch schon mal verletzt?
Wallraff: Ich habe über private Verfehlungen so manches gesteckt bekommen, auch über mächtige Prozessgegner. Ich hätte damit einige erledigen können - aber das war für mich absolut kein Thema.
sueddeutsche.de: Wie stehen Sie zur aktuellen Entwicklung um die Einschränkung der Grundrechte, Lausch- und Spähangriff, Vorratsdatenspeicherung?
Wallraff: Erschreckend! Innenminister Wolfgang Schäuble ist nicht korrupt, sondern meint, aus inbrünstiger Überzeugung, dem Staatswesen zu dienen - aber während der Inquisition war der Klerus genauso überzeugt, er würde dem göttlichen Recht zum Durchbruch verhelfen.
sueddeutsche.de: Telefonieren Sie denn noch sorglos?
Wallraff: Ich ignoriere das, ich mach mich nicht jeck. Nur wenn es um Informantenschutz geht, ist das anders.
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Danke!
ist alt... das interview gabs schon mal im juli .....
Hallo Moderator, stimmt eigentlich bei euch das Datum der Kommentare?
Der Markt für diese Art der Demokratie schwindet rapide. Wer mit dem angebotenen Produkt: "Politik" nur noch für dumm verkauft wird, wird einen solchen Schrott nicht nochmal kaufen. Sollte man annehmen. Aber es gibt immer noch die mit dem habituellen Konsum, die seit 60 Jahren dass kaufen, was sie immer kauften. Dies ist die einzige verbliebene Kundengruppe der SPD, die aber allmählich ausstirbt. Und ausgerechnet der hat die SPD mit der Agenda 2010 besonders scharf gegen das Bein uriniert. Es scheint, es gibt auch Politiksüchtige, die sich von nichts abschrecken lassen.
Die SPD geht Konkurs, dabei wäre es die CDU, die dem Vorbilder der Democratia Christiana in Italien folgen sollte, die auch damals und bis zum Ende ihrer Tage von den USA gekauft war. Wird nicht bestritten. CDU, gegründet als christlicher Verein mit sozialethischen Wurzeln und bereits 1952 für Wiederbewaffnung, Eingliederung in die Nato. Stramme Ausrichtung auf USA. Privatkapitalismus statt sozialer Marktwirtschaft. 1953 noch ein paar Krokodilstränen in Richtung DDR und ansonsten Eiskalte Krieger gegen die Sowjets. Wiedervereinigung abgeschrieben. Die Wiedervereinigung 1990 ist dabei allein das historische Verdienst der SPD mit der beharrlichen Friedenspolitik von Willy Brandt, den die CDU unter jedem Niveau bekämpfte.
Merkwürdig, daß Wallraff nicht an diese Partei mit dieser Geschichte rangeht. Aber an diese Partei ist noch kein Journalist, dem der Job lieb war, rangegangen. Selbst als bekannt wurde, daß in Liechtenstein von der CDU-Hessen noch 20 Millionen DM ehemalige CIA-Gelder aus der Aktion Norfolk rumlagen.
Wallraff könnte das eigentlich. Er ist freier Journalist und eher Buchautor und keinem Verleger und dessen "Freunde" hörig. Die Zeitungsverlage haben in der Besatzungszeit ihre Lizenzen von den Besatzern nur bekommen, wenn sie bereit waren, für deren Interessen das Deutsche Volk zu bearbeiten. Von denen war nie Transparenz und Ehrlichkeit zu erwarten. Ebenso nicht von dem Staatsfernsehen. Ist noch garnicht lange her, da saßen bei denen amerikanische CIA-Mitarbeiter mit eigenen Büro und paßte auf, daß nur stramm nach den Interessen der USA berichtet wurde.
Merkwürdig, der Journalist Wallraff hat noch nie den eigenen Stall untersucht. Z.B. die Nazi-Verbindungen vieler führender Journalisten und Verleger der Nachkriegszeit.
Das ist auch ein moralische Bankrott der Meinungsmacher. Alle Eliten im Vor-Konkurs!
Schade, daß es nicht mehr solche Leute wie Wallraff gibt. Der Arbeitgeber sollte nicht zu sicher sein vor Undercover. Wallraff hat nicht nur journalistisch sondern auch aktiv für Menschenrechte eingesetzt. Die Aktion Bildzeitung hat bei mir Schadenfreude ausgelöst.
Paging