Interview mit Günter Wallraff (2008) "Ich bin aus Fehlern zusammengesetzt"

Wenn man mir heute einen über den Schädel haut, dann war's das eben, sagt Günter Wallraff. Der Undercover-Journalist erzählt im Gespräch mit sueddeutsche.de, was ihn antreibt, wieso es ihm an Selbstbewusstsein fehlt - und warum Jesus für ihn ein Vorbild ist.

Interview: Oliver Das Gupta

Günter Wallraff, Jahrgang 1942, ist der wohl bekannteste deutsche Enthüllungsjournalist. Seine Methode, sich incognito bei Konzernen einzuschleichen, um Missstände zu dokumentieren, prägte diese Form des investigativen Journalismus: Inzwischen steht dafür das Verb "wallraffen". Das folgende Gespräch fand in Hamburg statt.

sueddeutsche.de: Herr Wallraff, haben Sie noch viele Geheimnisse?

Günter Wallraff: Nein. (Pause) Also gut, das, was ich gerade in Arbeit habe, die Informanten, die sich mir anvertrauen: Das sind absolute Geheimnisse. Da würde ich mich eher zerhacken lassen, als etwas zu sagen.

sueddeutsche.de: Sie sind also wieder undercover unterwegs?

Wallraff: Ja, aber jetzt habe ich ein paar Tage ausgesetzt. Mehr möchte ich nicht sagen.

sueddeutsche.de: Sind Sie eigentlich stolz auf Ihre Arbeit?

Wallraff: Ein Gefühl wie Stolz kenne ich nicht. Aber froh bin ich.

sueddeutsche.de: Würde es Sie freuen, wenn der Staat eines Tages sagte: Vielen Dank, Günter Wallraff?

Wallraff: Nach dem Erfolg von "Ganz unten" wurde ich mehrmals für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Die schrieben mich an und fragten nach meinen sonstigen Verdiensten. Ich habe nicht reagiert, denn ich finde, Orden stehen mir nicht.

sueddeutsche.de: Hegen Sie eine Antipathie gegen den Staat?

Wallraff: Nein, ich lehne den Staat nicht ab. Ich bin Bestandteil und Produkt dieser Gesellschaft und möchte hier weiter leben. Aber mein Verhältnis ist ambivalent. Ich schwanke zwischen Distanz und Nähe: Oft zieht es mich in die Ferne. Wenn ich längere Zeit weg bin, fühle ich mich sehr stark zurück gezogen.

sueddeutsche.de: Fühlen Sie sich in der Bundesrepublik heute wohler als vor 40 Jahren?

Wallraff: Die gesamtgesellschaftlichen Möglichkeiten haben sich deutlich verbessert. Es sind Schranken durchbrochen worden - Folgen der 68er-Bewegung, die ich eher positiv sehe, auch wenn es negative Seiten gab. Es sind Minderheitenrechte durchgesetzt worden, Kinderrechte, Frauenrechte. Sexuelle Orientierungen werden nicht mehr diskriminiert.

sueddeutsche.de: Gerichte haben immer wieder zu Ihren Gunsten entschieden, wenn Sie sich mit falscher Identität in einen Konzern eingeschlichen haben und anschließend angezeigt wurden. Nicht alle Enthüllungsjournalisten goutieren ihre Arbeitsweise. Für einige sind Sie eher ein Künstler.

Wallraff: Ich bin vieles und entziehe mich einer vordergründigen Etikettierung. So eine Arbeit, wie ich sie entwickelt habe, machen zu wenige. Nur: Es kann auch missbraucht werden, und zwar wenn es zum Selbstzweck wird.

sueddeutsche.de: Wo liegt die Grenze?

Wallraff: Dort, wo sie der Stärkere dem Schwächeren gegenüber anwendet, dort wo der private, der intime Bereich beginnt, da hat die Methode nichts zu suchen.

sueddeutsche.de: Haben Sie diese Grenze auch schon mal verletzt?

Wallraff: Ich habe über private Verfehlungen so manches gesteckt bekommen, auch über mächtige Prozessgegner. Ich hätte damit einige erledigen können - aber das war für mich absolut kein Thema.

sueddeutsche.de: Wie stehen Sie zur aktuellen Entwicklung um die Einschränkung der Grundrechte, Lausch- und Spähangriff, Vorratsdatenspeicherung?

Wallraff: Erschreckend! Innenminister Wolfgang Schäuble ist nicht korrupt, sondern meint, aus inbrünstiger Überzeugung, dem Staatswesen zu dienen - aber während der Inquisition war der Klerus genauso überzeugt, er würde dem göttlichen Recht zum Durchbruch verhelfen.

sueddeutsche.de: Telefonieren Sie denn noch sorglos?

Wallraff: Ich ignoriere das, ich mach mich nicht jeck. Nur wenn es um Informantenschutz geht, ist das anders.

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