Interview: Gökalp Babayigit

Gregor Gysi, Fraktionschef der Linken im Bundestag, über die bundesweite Debatte zu seiner Partei, Kurt Becks Fehler sowie SPD und Grüne in Bayern, die er "zum Kotzen langweilig" findet.

sueddeutsche.de: Herr Gysi, Sie treten heute auf dem Münchner Marienplatz auf und machen dort Wahlkampf für Ihre Partei, die auch hier bei den Kommunalwahlen antritt. Ist nicht der Streit innerhalb der SPD, wie denn nun mit der Linken umgegangen werden soll, der beste Wahlkampf für Ihre Partei?

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Gregor Gysi, der Fraktionschef der Linken im Bundestag, ist optimistisch: Auch in den bayerischen Landtag werde seine Partei im September dieses Jahres einziehen - und die CSU werde ihre Zweidrittelmehrheit verlieren. (© Foto: AP)

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Gregor Gysi: In gewisser Hinsicht machen alle Parteien ständig für uns Wahlkampf. Tatsache ist: Die anderen Parteien stellen sich die Frage nicht, weshalb es überhaupt ein Bedürfnis nach einer Partei links von der Sozialdemokratie gibt. Ein Bedürfnis, das es jahrzehntelang in der alten Bundesrepublik nicht gab. Ich wundere mich, dass weder Beck noch sonst einer versucht, über Ursachen nachzudenken.

sueddeutsche.de: Und wo sehen Sie diese Ursache?

Gysi: Vereinfacht gesagt: Das, was Thatcher in den achtziger Jahren in Großbritannien durchsetzte, hat in Deutschland nicht Kohl durchgesetzt, sondern Schröder. Und damit war eine Enttäuschung bei den SPD-Wählern verbunden, so dass erstmalig das Bedürfnis nach einer Partei links von der SPD entstand. Solange sich die SPD darum gar keine Gedanken macht, sondern nur beschließt, mit wem sie wann spricht und nicht spricht und ihre Beschlüsse dann doch wieder aufhebt, wird sie keine Antwort finden. Auch wenn ich die anfängliche Verunsicherung verstehen kann: Es wird Zeit, dass sie darüber nachdenkt.

sueddeutsche.de: Sagen Sie damit, dass Beck die Wähler nicht ernst genommen hat, als er die Zusammenarbeit mit der Linken kategorisch ausgeschlossen hat?

Gysi: Er nimmt sie regelmäßig nicht ernst. Gerade erst sagte er, dass er 2009 nach der Bundestagswahl nicht mit uns reden werde. Wenn man so etwas so laut verkündet, dann bahnt sich doch schon das Gegenteil an. Die SPD beschränkt sich immer selbst, ich kann das nicht nachvollziehen. Was uns aber sehr wohl noch an einer Zusammenarbeit hindert, ist das Inhaltliche. Bundespolitisch sind die Unterschiede viel zu groß.

sueddeutsche.de: Also würde eine Zusammenarbeit von Ihrer Seite aus nur an inhaltlichen Punkten scheitern?

Gysi: Die SPD ist für mich eine genauso neoliberale Partei wie die Union. Fragen Sie doch die Leute auf der Straße! Sie sollen die sechs Unterschiede zwischen SPD und Union benennen. Wenn sie zwei kennen, sind sie schon sehr gut informiert. Der Beschluss der SPD, nicht mit uns zusammenarbeiten zu wollen, interessiert mich wenig. Inhaltlich muss da noch einiges passieren. In Hessen haben wir wiederum eine andere Situation. Es gibt eine ganze Reihe von Übereinstimmungen. Die einzige Schwierigkeit, die Frau Ypsilanti hat: Sie hat sich selbst eine Falle gebaut. Inhaltlich hat sie Positionen, die sie weder mit der Union noch mit der FDP auch nur ansatzweise durchsetzen kann. Mit uns könnte sie - aber mit uns macht sie es nicht, sagte sie vor der Wahl. Sie wird entscheiden müssen, was ihr wichtiger ist.

sueddeutsche.de: Seit ihrer Gründung wurde Ihre Partei gemieden und als hoffnungsloser Fall abgestempelt. Verspüren Sie derzeit eine Genugtuung?

Gysi: Eins muss man uns ja lassen: Die Linke hat in der Bundesrepublik parteipolitisch in den Parlamenten schon ganz schön was durcheinandergebracht. Ich finde auch, dass die anderen es verdient haben, durcheinandergebracht zu werden. Wenn ich daran denke, wer 1990 noch geschworen hatte, nie mit mir zu sprechen und wie sich das alles im Laufe der Jahre verändert hat, bin ich gegenüber den Einstellungen anderer Parteien gelassen. Wenn ich Ihnen damals die heutige Entwicklung prognostiziert hätte, hätten Sie mich in die Psychiatrie eingewiesen und ich hätte mich auch nicht gewehrt. Wahr geworden ist es trotzdem. Aber Genugtuung ist zuviel gesagt. Ich bleibe bescheiden - in dem Maße, indem ich bescheiden bleiben kann.

sueddeutsche.de: Das Image der Schmuddelkinder glauben Sie also abgelegt zu haben. Wollen Sie deshalb auch im Westen salonfähig geworden sein?

Gysi: Wir sind natürlich nicht die Schmuddelkinder, als die uns die anderen gerne sehen würden. Ich denke, diese Einstellung hat sich bald überlebt. Wir wollen zwar nicht in einen Salon, aber da wir schon im Bundestag die einzige Partei sind, die nicht neoliberal ist, müssen wir auch in die Landesparlamente. Ich muss dazu sagen: Viele Linke in den westlichen Landesverbänden, die hart kritisiert werden, waren nie in Parlamenten. Wenn wir in die Landtage einziehen, ändern wir uns auch.

sueddeutsche.de: Heute machen Sie Wahlkampf in Bayern. Ist der Freistaat ein hartes Pflaster für einen Linken?

Gysi: Ganz am Anfang bin ich in Bayern toleranter behandelt worden als in Thüringen, Sachsen und Nordrhein-Westfalen. Das lag daran, dass die Bayern sich sicher waren, dass ich hier keine Rolle spielen kann. Das kann man dann wohl als bajuwarische Toleranz bezeichnen. Jetzt ist das anders. Die CSU reagiert mittlerweile geradezu allergisch.

Doch vor allem im Hinblick auf die Landtagswahl bin ich sehr optimistisch. Es wird höchste Zeit, dass die CSU ihre Zweidrittelmehrheit verliert. Die Opposition muss auch attraktiver gestaltet werden. Ich finde die Grünen und die SPD hier in Bayern zum Kotzen langweilig. Da muss Leben in die Bude. Ich glaube, dass das auch viele Bayern reizen wird. Deshalb bin ich optimistisch, dass wir im September in den bayerischen Landtag einziehen werden. Ich habe nur einen Wunsch an die TV-Sender: Ich wünsche mir eine Kamera vor dem Gesicht Hubers und eine vor dem Gesicht Becksteins - wenn sie zum ersten Mal im Fernsehen bei unserer Partei die 5 vor dem Komma aufleuchten sehen.

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(sueddeutsche.de/bgr)