sueddeutsche.de: Welche Fehler kreiden Sie Ihrer früheren Partei außerdem an?

Anzeige

Beer: Mich haben die Flügelarithmetik und die ständigen Kämpfe zwischen Fundis und Realos aufgerieben. Ich habe mich bewusst zwischen die Stühle gesetzt. Ich wusste, dass das einen hohen Preis haben wird. Aber es war für mich die einzige Möglichkeit, bei den Grünen Positionen zu vertreten, von denen ich überzeugt bin. Außerdem wurde innerparteiliche demokratische Debattenkultur zugunsten einer funktionierenden Regierungsphilosophie und einer Machtperspektive aufgegeben.

sueddeutsche.de: Jetzt sind die Grünen aber schon lange in der Opposition ...

Beer: ... und haben sie nach fünf Jahren noch immer nicht wiedererlernt. Die Parteispitze rennt noch immer dem Ziel von Joschka Fischer hinterher: Wie kommen wir schnellstmöglich an Ministerien heran? Die inhaltliche Positionen werden zugunsten des Ziels einer Machtbeteiligung geschliffen. Und der Nachwuchs wird nicht rechtzeitig nach vorne gelassen.

sueddeutsche.de: Haben die Grünen ihre Ideale von früher verraten?

Beer: Wer sich nicht bewegt, wer sich nicht verändert, der hat keine Chance, Politik zu gestalten. Aber ich glaube, dass die Entwicklung in die falsche Richtung gegangen ist. Als Politiker hat man zwei Möglichkeiten: Man kämpft in der Partei gegen den Mainstream - das habe ich eine Zeitlang gemacht - oder man sucht sich neue Bündnispartner. Letztlich will ich etwas bewegen, deshalb habe ich mich entschieden, die Grünen zu verlassen.

sueddeutsche.de: Nach einigen Monaten Bedenkzeit sind Sie der Piratenpartei beigetreten. Warum?

Beer: Ich habe mich lange orientiert. Die Piraten habe ich dann erst mit einzelnen Aktionen im Wahlkampf unterstützt, im Kampf gegen Rechtsextremismus zum Beispiel. Die Partei hat einen Kodex mit zehn Punkten, den ich gut finde und mit dem ich mich identifizieren kann. Mir geht es darum, Bündnisse mit Menschen zu schließen, um Politik zu verändern. Dieses Bündnis habe ich mit den Piraten gefunden - und deshalb bin ich hier vor Anker gegangen.

sueddeutsche.de: Werden die Piraten den Erfolg der Grünen wiederholen können?

Beer: Mit Sicherheit! Die Piraten sprechen mit Themen wie Bildung und Freiheit des Wissens sowohl die junge als auch die alte Generation an. Und sie wachsen sehr viel schneller als wir Grünen damals. Das ist ein atemberaubender Prozess. Ich hoffe, dass es gelingt, dieses rasante Wachstum in den nächsten Jahren so zu strukturieren, dass sich die Piraten in den Parlamenten wiederfinden. Schweden hat es geschafft: Es gibt einen Piraten im Europaparlament. Und die Piraten sind international organisiert, was von Vorteil ist, denn als nationale Bewegung kann man heute keine Politik mehr machen.

sueddeutsche.de: Aus welchen Fehlern der Grünen können die Piraten lernen?

Beer: Ich bin weit davon entfernt, den Piraten Ratschläge aus der Vergangenheit zu geben. Aber natürlich tauschen wir Erfahrungen aus. Wenn es etwa darum geht, Parteistrukturen aufzubauen. Oft gibt es ähnliche Problemfelder wie bei den Grünen. Aber ich setze mich nicht hin und sage: "So, jetzt müsst ihr das und das machen."

sueddeutsche.de: Die Linken haben es als erste Partei nach den Grünen geschafft, sich in der deutschen Parteienlandschaft zu etablieren. Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen den Anfängen der Grünen und den Anfängen der Linken?

Beer: Die Linken sind etwas völlig anderes. Sie sind aus den Strukturen der SED entstanden. Das ist auch ihr Problem.

sueddeutsche.de: Ein Blick in die Zukunft: Wie müssen sich die Grünen verändern, um in Zukunft Erfolg zu haben.

Beer: Das müssen die Grünen selber wissen. Entscheidend wird, ob die Jungen genug Kraft, Mut und auch genug Frechheit haben, um den jetzigen Kurs der Spitze zu verändern.

sueddeutsche.de: Was glauben Sie, wo die Grünen in 30 Jahren stehen werden?

Beer: Vielleicht diskutieren sie, ob sie mit den Piraten eine Koalition eingehen.

sueddeutsche.de: Haben Sie einen Wunsch an Ihre alte Partei?

Beer: Ich hätte es toll gefunden, wenn die Grünen die Courage gehabt hätten, zum 30-jährigen Jubiläum alle ehemaligen Spitzenpolitiker der Partei einzuladen, egal ob noch Mitglied oder nicht. Auch um der Jugend zu zeigen, welche Breite diese Partei einmal abgedeckt hat. Diese Einladung ist leider nicht gekommen. Wäre doch toll gewesen, mit Jutta Ditfurth und Thomas Ebermann!

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. "Fischer hat die Grünen in die Beliebigkeit geführt"
  2. Der grüne Sündenfall
  3. Sie lesen jetzt Angelika Beer und die Piratenpartei
Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/jja)