Von Von Joachim Käppner

Rudolf Egg ist Leiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Er fürchtet, dass viele Patiententötungen nicht entdeckt werden.

SZ: Was bringt Menschen, deren Beruf doch das Helfen ist, eigentlich dazu, Alte und Schwerkranke zu töten? Als Motiv nennen die Täter ja meist Mitleid.

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Egg: Was man durchaus bezweifeln darf. Es gibt ja auch das Motiv der Erbschleicherei: Ein Betreuer gewinnt das Vertrauen alter Menschen und veranlasst sie, ihm ihr Geld zu vermachen, bevor er sie umbringt. Aber bei Fällen wie in Sonthofen scheint es um etwas ganz anderes zu gehen. Hier sieht es eher so aus, als würde das Motiv Mitleid benutzt, um andere, egoistische Motive zu verdecken. Es waren ja offenbar keine Tötungen auf Verlangen der Patienten, was zwar auch strafbar, aber anders zu bewerten wäre. Es geht hier nicht darum, dass schwerstkranke Menschen gebeten haben, von ihrem Leid erlöst zu werden...

SZ: ... sondern der Täter hat alleine entschieden?

Egg: Ja, er hat sich zum Herrn über Leben und Tod aufgeschwungen und behauptet, er habe das Leid der Kranken nicht mehr mit ansehen können. Fragt man genauer nach, warum solche Täter ohne Wissen und Wunsch der Betroffenen getötet haben, zeigt sich, dass das Motiv eher Macht und Dominanzstreben als Mitleid ist. Sie wollen selbstherrlich entscheiden, ob ein Leben lebenswert ist oder nicht. Solche Täter glauben, dass das Leben ihnen etwas schuldig geblieben ist. Sie haben sich etwa zum Chefarzt berufen gefühlt, zum großen Heiler, es aber nur zum Pfleger gebracht. Dann reden sie sich ein: Ich leiste trotzdem etwas Großartiges, denn ich bin derjenige, der die Leidenden von ihren Qualen erklöst.

SZ: Wie hoch schätzen Sie die Zahl der Fälle, die gar nicht erkannt werden? Egg: Dass es Tötungen von Patienten und Pflegebedürftigen gibt, die gänzlich unerkannt bleiben, halte ich für sehr wahrscheinlich. Statistisch kommen Delikte wie das in Sonthofen nur alle zehn Jahre einmal vor; ich gehe aber davon aus, dass es mindestens genauso viele unentdeckte Fälle gibt, die Hälfte der Patiententötungen also gar nicht entdeckt wird - aber das ist natürlich nur eine Vermutung.

SZ: Warum ist es so schwer, diese Taten zu entdecken? Egg: Den Tätern bietet sich in Krankenhäusern und Heimen ein fast ideales Umfeld. Dort gehört der Tod zum Alltag. Wenn ein schwerkranker alter Patient stirbt, kommt doch meist gar nicht der Verdacht auf, dass er Opfer eines Verbrechens sein könnte. In Sonthofen wurde der mutmaßliche Täter deshalb entdeckt, weil es viele Todesfälle in sehr kurzer Zeit gab und viele Medikamente gestohlen wurden. Der Diebstahl von Medikamenten ist in Krankenhäusern und Pflegeheimen aber gar nicht so selten und fällt oft nicht weiter auf.

SZ: Die Hospiz-Stiftung macht die desolate Situation bei der Pflege sogar für die Taten im Sonthofener Klinikum mitverantwortlich. Egg: So einfach darf man es sich nicht machen. Das klingt eher nach der Instrumentalisierung eines schrecklichen Verbrechens. Personalmangel, Stress und Überforderung in der Pflege führen sicher immer wieder dazu, dass Patienten vernachlässigt oder misshandelt werden. Das ist schlimm, und es ist richtig, auf solche Missstände hinzuweisen. Es ist aber nicht zu vergleichen mit einem Serientäter, der zahlreiche Patienten tötet.

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(SZ vom 4.8.2004)