Im Wahlkampf nichts Neues? Von wegen! Der Politikwissenschaftler Mario Voigt hat im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung den US-Wahlkampf beobachtet und dabei Trends registriert, die auch deutsche Wahlkämpfe verändern könnten. Mit Voigt sprach Markus C. Schulte v. Drach

sueddeutsche.de: Wie unterscheiden sich die Wahlkampftechniken bei der Präsidentenwahl 2004 von den früher eingesetzten Methoden?

Mario Voigt

Mario Voigt: "Demokraten und Republikaner haben dieses Jahr Informationen über ungefähr 150 Millionen potenzielle Wähler gesammelt." (© Foto: Privat)

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Voigt: Es gab drei zentrale Entwicklungen: Das Microtargeting - also die Erfassung von Informationen über die Wähler - und darauf basierend eine zielgruppenspezifische Ansprache. Auch wurde die Basis-Mobilisierung weiterentwickelt.

Und das Internet wurde nicht mehr nur als Informations- sondern auch als Organisations-Tool eingesetzt. Das ist eine sehr innovative Sache, weil dort die Aspekte Informationserfassung und Mobilisierung miteinander verbunden werden können.

sueddeutsche.de: Wie hat man sich das vorzustellen?

Voigt: Mit dem Microtargeting versuchen die Parteien herauszufinden, was die potenziellen Wähler interessiert, was sie bewegt - und womit sie sich am ehesten zum Wählen bewegen lassen.

sueddeutsche.de: Was unternehmen die Parteien dazu konkret?

Voigt: In den USA nutzen die Wahlkämpfer zum einen das Wählerverzeichnis, in dem Informationen wie Adresse, Geburtsdatum und vor allem auch die Wahlpräferenz enthalten sind und ob er sich an der letzten Wahlen beteiligt hat. So kann man Wähler identifizieren, die sich früher häufig beteiligt haben, und die man nur einmal mobilisieren muss mit der Bitte: Wähle!

sueddeutsche.de: Die Frage ist also: Wie bewegt man jene zum Wählen, bei denen man die Präferenz kennt, aber nicht sicher ist, ob sie auch ihre Stimme abgeben werden?

Voigt: Richtig. In den USA war die Wahlbeteiligung Mitte der achtziger und neunziger Jahren nie viel stärker als etwa 50 Prozent. Registriert sind jedoch viel mehr Menschen. Über die muss ich wissen, wie ich sie ansprechen kann.

Dazu werden die Informationen aus dem Wahlregister angereichert mit eingekauften Daten, Daten, die man angibt, wenn man sich bei AOL registrieren lässt, eine Zeitung abonniert oder im Supermarkt eine Bonuskarte benutzt.

sueddeutsche.de: Was bezweckt diese Datensammlerei?

Voigt: Es geht darum, ein immer schärferes Profil des potentiellen Wählers zu entwickeln. Wer etwa das Wallstreet Journal liest, einen BMW fährt und in einem bestimmten Viertel wohnt, der ist mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit potenzieller Wähler der Republikaner.

sueddeutsche.de: Werden tatsächlich individuelle Daten der Wähler erfasst?

Voigt: Ja. Demokraten und Republikaner haben dieses Jahr Informationen über ungefähr 150 Millionen potenzielle Wähler gesammelt.

Nach der Auswertung der Wählerregister und der Anreicherung der Informationen mit individuellen Daten gibt es einen dritten Schritt: Freiwillige gehen von Tür zu Tür und überprüfen, ob die gesammelten Informationen richtig und relevant sind.

Diese Daten wurden am Ende des Tages in die Datenbank eingespeist - so konnte relativ früh und relativ genau ein Profil entwickelt werden für diese Wähler.

sueddeutsche.de: Kann man sich für Deutschland etwas ähnliches vorstellen?

Voigt: Hierzulande wird Microtargeting bei Wahlkämpfen keine so große Rolle spielen wie in den USA, da wir andere datenschutzrechtliche Voraussetzungen haben.

Aber auch zur Aktivierung von Freiwilligen und Unterstützern muss ich genaue Informationen über deren Bedürfnisse und Interessen haben, und ich glaube, alle Parteien werden in Zukunft sehr viel stärkere Anstrengungen machen, diese Informationen zu erfassen.

sueddeutsche.de: In Deutschland wissen die Parteien doch über die meisten Mitglieder nur wenig.

Voigt: Sie werden aber in Zukunft genauer eruieren, was die Interessen des einzelnen Mitglieds sind. Die Parteien werden damit beginnen, Informationen über ihre Mitglieder und ihr soziales Umfeld zu sammeln.

sueddeutsche.de: Die SPD muss also versuchen, herauszufinden, was ihre eigenen Mitglieder tatsächlich von Hartz IV oder die CDU-Mitglieder von einer Kopfpauschale halten?

Voigt: Ich glaube, dass eher um den Lifestyle geht. Dass man schaut, wo sind die Parteimitglieder sozial verankert. Welche Zeitung lesen sie, wie häufig gehen sie ins Theater, welches Auto fahren sie, welche TV-Sendung schauen sie an.

sueddeutsche.de: Dann wird der Wahlkampf aber doch ziemlich unpolitisch?

Voigt: Man muss versuchen zu bestimmen, welche politischen Botschaften für welche Gruppen relevant sind. Man muss solche Leute auf eine andere Art ansprechen. Je genauer die Informationen sind, die man hat, um so spezifischer kann ich die Ansprache gestalten, um den potenziellen Wähler zum Wählen zu motivieren.

sueddeutsche.de: Versuchen deutsche Parteien schon, an solche Informationen zu kommen?

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