Von Oliver Das Gupta

Sechs Raketen hat die Hisbollah auf das Kibbuz Saar am Wochenende gefeuert. Bürgermeister Yair Bäuml harrt nach wie vor in der Siedlung aus - und liefert eine Analyse des Nahost-Konfliktes aus dem Sicherheitsraum seines Hauses.

sueddeutsche.de: Herr Bäuml, die Hisbollah hat Ihr Kibbuz Saar am Wochenende beschosen. Was ist passiert?

Knapp am Haus vorbei: Einschlagsort einer Rakete im Kibbuz Saar. Für die Gesamtansicht bitte auf die Lupe klicken (© Foto: Bäuml)

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Yair Bäuml: In den Feldern und Plantagen landeten drei Raketen. In den Bereich des Kibbuzes schlug dieselbe Anzahl ein, eine verfehlte ein Haus um 50 Zentimeter. Zum Glück wurde niemand verletzt, aber es gab natürlich Schäden an Gebäuden und der Infrastruktur.

sueddeutsche.de: Gab es schon früher Angriffe auf Saar?

Bäuml: Ja, das ist nichts Neues für uns: Jedes Mal, wenn das nahe gelegene Naharija beschossen wurde, bekamen auch wir ein paar Raketen ab. Das ist seit 30 Jahren so. Seit dem Libanon-Krieg waren es immer kurze Angriffe, das dauerte einen Tag, zwei Tage. Diesmal fällt es der Bevölkerung leichter, den Ort zu verlassen. Mehrere Jahre sah man das als nicht loyal an.

sueddeutsche.de: Wie haben die Kibbuzim auf die Angriffe reagiert?

Bäuml: Etwa 80 Prozent der 400 Einwohner sind zu Angehörigen in den Süden gefahren. Auch meine Familie ist jetzt in Tel Aviv. Ich sitze allein im Sicherheitszimmer meiner Wohnung. Sie wissen ja: Der Kapitän ist der letzte, der das Schiff verlässt.

sueddeutsche: Haben Sie Angst?

Bäuml: Es ist keine schwere Stimmung, auch keine leichte. Man wartet ab. Die andere Frage ist natürlich: Wie lange kann man es aushalten, nicht zu Hause zu sein und nicht zur Arbeit zu gehen.

sueddeutsche.de: Steigern die Attacken die Muslimfeindlichkeit der Bewohner ihres Kibbuzes?

Bäuml: Ja. Die meisten verstehen die Situation nicht. Der Hass auf die Leute, die auf uns schießen, wird immer größer. Und das politische Verstehen, das Differenzieren nimmt ab. Leider. Was ist Hamas, was Hisbollah, wofür stehen die Syrer: Keiner weiß genau den Unterschied zwischen den Gruppen.

sueddeutsche: Die Kämpfe begannen mit der Verschleppung eines 19-jährigen israelischen Soldaten im Gaza-Streifen, obwohl zuvor die Hamas Israel indirekt anerkannt hatte. War die Reaktion überzogen?

Bäuml: Israel hat in diesem Fall den Fehler bereits in der Vergangenheit gemacht: Letztes Jahr haben wir die Siedlungen geräumt und den Gaza-Streifen komplett verlassen. Das finde ich richtig. Und trotzdem wurden wir mit Kassam-Raketen von dort beschossen. Unsere Reaktion darauf war nicht scharf genug - das war ein Fehler.

Denn: Wir können uns nicht erlauben, von dort angegriffen zu werden. Wenn wir Gebiete räumen, dann soll nicht ein Schuss auf uns abgegeben werden. Wir haben das Recht zu existieren und wir haben das Recht uns zu verteidigen. Wenn Sie mich also fragen, ob Israels Militär-Aktion im Gaza-Streifen richtig ist, muss ich sagen: Ja.

Ich weiß, dass sich PLO und Hamas fast darauf geeinigt hatten, Israel anzuerkennen. Aber Hamas-interne Gegner dieses Kurses haben diesen Soldaten entführt. Wir können doch nicht darauf warten, bis die verschiedenen Hamas-Gruppierungen untereinander Frieden machen.

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