Konflikt zwischen Kurden und Türken "Wir deutschen Kurden ärgern uns über die Bundesregierung"

Demonstranten in Berlin protestieren mit einer kurdischen Fahne gegen die türkische Militäroffensive.

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)

Der Krieg in Syrien stört das Verhältnis zwischen Kurden und Türken in Deutschland. Der Generalsekretär der Kurdischen Gemeinde, Cahit Başar, spricht über verbotene Fahnen und extremistische Anschläge.

Interview von Jana Anzlinger

Der Konflikt zwischen Türken und Kurden schwelt seit Jahrzehnten. Mit der türkischen Militäroffensive im nordsyrischen Afrin ist er erneut eskaliert. Auch in Deutschland, wo die Zahl der Kurden auf mehr als eine Million geschätzt wird. Ihre Familien kommen aus dem Irak, Syrien, Iran oder der Türkei. Insgesamt leben etwa drei Millionen türkeistämmige Menschen in Deutschland. Cahit Başar, Generalsekretär des Dachverbands Kurdische Gemeinde Deutschland, erklärt, warum sie verbotene Fahnen schwingen - und weist die Verantwortung für Anschläge in Deutschland zurück.

SZ: Herr Başar, heute ist das Neujahrsfest Newroz, der wichtigste kurdische Feiertag.

Cahit Başar: Das stimmt, aber unbeschwert feiern können wir dieses Jahr nicht. Ich kenne hier viele Menschen, deren Verwandte erschütternde Nachrichten aus Afrin schicken. Sie berichten, dass die türkischen Truppen und die Milizen der sogenannten Freien Syrischen Armee Gräueltaten gegen Zivilisten begehen. Aber Newroz bedeutet Neuanfang, und es steht auch für Leben und Widerstand.

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Die zentrale Newroz-Feier in Hannover hatte die Polizei wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. Ein Gericht hat die Absage wieder gekippt. Verstehen Sie die Sicherheitsbedenken der Polizei?

Nein, ich kann das nicht nachvollziehen. Deutschland ist die Heimat von 1,2 Millionen Kurden, die friedlich hier leben. Ja, es stimmt: Wir deutschen Kurden ärgern uns über die Bundesregierung. Es wirkt, als habe sie die militärische Expansion hingenommen, um Ankara milde zu stimmen und deutsche Geiseln freizubekommen. Aber auch wenn wir uns ärgern, sehen wir den deutschen Staat nicht als unseren politischen Gegner. Wir begehen unsere Feiertage friedlich.

Die Polizei hat die als Terrororganisation verbotene PKK hinter der Feier in Hannover vermutet. Diese Vermutung kam ja wohl nicht aus heiterem Himmel?

Die Polizei hält sich sehr bedeckt, wir wissen bis heute nicht, welche Erkenntnisse sie über das Fest zu haben glaubte. Aber ich halte die zunehmende Kriminalisierung der Kurden für den falschen Weg. Wir müssen weg von dieser Gefälligkeitspolitik gegenüber der türkischen Regierung. Zum Beispiel dürfen immer weniger Symbole gezeigt werden, etwa das der Volksverteidigungseinheiten YPG. Dabei sind die YPG ein Verbündeter des Westens. Wenn gegen diese Auflagen verstoßen wird, geht die Polizei nicht immer verhältnismäßig vor. Sie verhaftet immer häufiger Demonstranten.

Cahit Başar ist Gymnasiallehrer und Generalsekretär des Dachverbands Kurdische Gemeinde Deutschland.

(Foto: privat)

Warum provozieren manche Kurden mit verbotenen Fahnen und Parolen, statt einfach friedlich zu demonstrieren?

Es ist ihnen schwer vermittelbar, dass Symbole von Organisationen verboten sein sollen, die in Deutschland nicht als Terrororganisationen gelistet sind - und die in Syrien gemeinsam mit dem Westen den IS bekämpfen. Auch ich finde: Die eigentliche Gefahr geht nicht von Symbolen bei Demos in Deutschland aus, sondern von den Menschen, die in Syrien Angst und Schrecken verbreiten. Trotzdem ruft mein Verband dazu auf, hierzulande auf unnötige Provokation zu verzichten.

In letzter Zeit häufen sich bundesweit Anschläge auf türkische Einrichtungen wie etwa Moscheen - einem Medienbericht zufolge hat die Polizei dieses Jahr schon 37 Angriffe gezählt. Im Verdacht stehen kurdische Extremisten.

Diese Anschläge sind uneingeschränkt zu verurteilen. Alle kurdischen Organisationen distanzieren sich davon. Wenn dahinter wirklich Kurden stecken, dann sind das Jugendliche oder unorganisierte Extremisten. Aber es ist fraglich, ob Kurden für alle Anschläge verantwortlich sind. Ich warne vor dieser Vorverurteilung. Wenn die Polizei nur in eine Richtung ermittelt, macht sie denselben Fehler wie damals beim NSU.

Wer soll denn dann hinter diesen Anschlägen auf Türken stecken, die zeitlich mit der Militäroffensive in Afrin zusammenfallen?

Da die Anschläge vor allem dem Ansehen der Kurden schaden, könnte der türkische Geheimdienst dahinterstecken. Aber auch die Antifa könnte den kurdischen Kampf für ihren antiimperialistischen Kampf instrumentalisieren.

Das Innenministerium befürchtet, dass radikale Kurden und Linksextremisten sich verbünden könnten.

Das kann durchaus sein. Ich möchte das gar nicht in Abrede stellen. Aber die Linksextremisten haben ein Bedürfnis, den Staat zu bekämpfen. Für die große Mehrheit der Kurden ist Deutschland weder ein Kriegsgebiet noch ein Schauplatz von Gewalt, sondern vielmehr eine zweite Heimat, der wir viel zu verdanken haben.

In diese zweite Heimat haben Kurden und Türken ihren Konflikt mitgebracht.

Ja, leider. In beiden Gemeinden müssen Verbände ihren Einfluss nutzen und sich für einen kritischen Dialog einsetzen, damit Gewalt nicht zur Regel wird. Wir können es uns nicht leisten, mit unserem Konflikt den sozialen Frieden der Bundesrepublik zu stören. Wir haben hier immer noch nicht dieselben Chancen und Teilhabemöglichkeiten wie andere, obwohl wir so eine große Gruppe sind. In letzter Zeit gab es diese Diskussion, ob der Islam zu Deutschland gehört. Ich finde, es wird Zeit für den Satz: Die Kurden gehören zu Deutschland. Den hat noch kein Politiker gesagt.

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