"Schade ist, dass man im Internet ... nichts essen kann." Auf seiner Webseite präsentiert sich der russische Präsident Medwedjew mit eigenwilligem Humor.
"Willst du Präsident der Russischen Föderation werden?" Was für eine Frage! Ein russischer Pennäler wünscht sich ja wohl nichts sehnlicher, als sein Land zu regieren. Also klicken wir stellvertretend mit eisern-kühler Putin-Entschlossenheit auf "Ja".
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Macht gerne Witze: Russlands neuer Präsident Dmitrij Medwedjew. (© Foto: Reuters)
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Aber was wir dann in der "Schule der Präsidenten" auf der knatschbunten Internet-Seite der russischen Präsidialverwaltung "Lerne den Präsidenten kennen" (www.uznai-prezidenta.ru) lernen müssen, enttäuscht uns als künftiger Anwärter auf das höchste russische Amt zutiefst.
Tatsächlich hätten wir erwartet, bullige Reden vor der Nato halten, Gashähne abdrehen und georgischen Wein verbieten zu dürfen. Stattdessen aber werden wir mit marginalen Entscheidungsfragen gepiesackt. "Kennst du den Geburtstag deiner Mama, deines Papas, deines Großvaters, deiner Großmutter, deiner Schwester oder deines Bruders?" "Stell dir vor, du müsstest irgendetwas zwischen deinen besten Freunden und dir fremden Menschen ehrlich aufteilen. Wie würdest du vorgehen?"
Nur die Fragen, zu welchem Feiertag wir unsere Landsleuten im Jahr 2025 beglückwünschen dürfen, und wie lange wir denn glauben, eine Wäscheklammer mit zwei Fingern zusammendrücken zu können, scheinen uns im russischen Sinne angemessen zu sein.
Die Internet-Seite, auf der "Bürger im schulischen Alter" spielerisch, aber hochgradig unterkomplex über Themen wie "der Präsident", "Russland", "demokratische Lehrstunden" oder "Kreml" (in genau dieser Reihenfolge!) informiert werden, war 2007 auf Betreiben des damaligen Präsidenten Wladimir Putin eingerichtet worden. Er selbst hatte sich in seiner virtuellen Heimat nicht unerwartet als volksnaher und tierliebender Judo-Präsident den jungen Russen empfohlen.
Kompaktkurs für unerfahrene Präsidenten
Die Seite ist nun für den kürzlich vereidigten neuen ersten Mann im russischen Staat, Dmitrij Medwedjew, umgebaut worden. In der Abteilung "Bei der Arbeit" zeigt sich der 43-Jährige zusammen mit seinem neuen Putin-Schatten bei offiziellen Anlässen, beim üblichen Händeschütteln oder unter der Rubrik "Sport" beim Skifahren. Man erfährt, dass der Schüler Medwedjew gar nicht so selten zu spät in den Unterricht gekommen ist. Zudem soll es sogar vorgekommen sein, dass er sich geprügelt hat.
Dabei dachte man doch immer, dass Medwedjew trotz seines brummigen Namens ein ganz lieber Kuschelbär sei. Anscheinend verfügt er aber über einen sehr eigenwilligen Humor. Denn den Satz "Schade ist, dass man im Internet..." vervollständigte er in einem Fragebogen mit der Variante "...nichts essen kann". Und den Satz "Für Jugendliche lohnt es sich nicht ins Netz zu gehen..." ergänzte er so: "... wenn sie keine Mütze, keinen Schal und Mantel haben".
So viel Unernsthaftigkeit bei einem russischen Präsidenten wirkt natürlich exotisch. Das fiel auch der regierungsnahen Zeitung Iswestija auf. Wobei nicht ganz klar wurde, wie ernst der Schreiber sein Lob meinte.
Man hat bei der Netz-Seite aber auch den Eindruck, dass Putin sie als Kompaktkurs für seinen unerfahrenen Nachfolger anlegen ließ. "Präsident zu sein", steht da in klassischer Putin-Diktion, "bedeutet Arbeit". Und auf die Frage, woran der Präsident im Allgemeinen nicht schuld sei, liest man den schönen Satz: "Darauf gibt es unterschiedliche Antworten". Wer wäre da nicht gerne der Chef von Russland?
(SZ vom 15.05.2008/hai)