Von Thorsten Schmitz

"Ich will dich, Tzipi Baby": Israels Wahlkampf ist im Internet angekommen - und so wird gerappt, vernetzt und Barack Obama kopiert, was das Zeug hält.

Die Parteien in Israel stehen in diesem Wahlkampf vor der schier unlösbaren Aufgabe, wie man die Wähler an die Urnen lockt. Am 10. Februar werden Parlament und Regierung gewählt - zum fünften Mal in zehn Jahren. Demoskopen rechnen mit der niedrigsten Beteiligung in der Geschichte des Landes. Bereits vor zwei Jahren konnten sich nur 63,5 Prozent der Wahlberechtigten zur Stimmabgabe aufraffen. Jetzt wird mit höchstens 60 Prozent gerechnet.

Bild vergrößern

"Livni Boy" schwärmt auf Youtube von Tzipi Livni - nur eine von vielen Kapriolen des israelischen Internet-Wahlkampfs (© Screenshot: Youtube)

Anzeige

Unverfroren versuchen Israels Politiker daher, die Wahlmüdigkeit mit Hilfe der erfolgreichen Kampagne des künftigen US-Präsidenten Barack Obama zu bekämpfen. Die frechsten Nachahmer kommen ausgerechnet vom rechtsnationalen Likud-Block des Oppositionsführers Benjamin Netanjahu, der sämtlichen Umfragen zufolge die Mehrheit der 120 Parlamentssitze erringen wird.

Wer auf "Bibis" Internetseite geht, muss sich die Augen reiben angesichts des gelungenen Plagiats. Sämtliche Details sind mit Obamas Internetauftritt identisch: Die Menüleiste, der Verweis auf die Facebook-Seite, auf das in Israel bisher kaum genutzte SMS-Netzwerk Twitter, das Internet-Fotoalbum flickr, die Youtube-Videos sowie die Icons, mit denen man Spenden überweisen kann. Sogar das Hintergrundblau wurde von Obamas Website übernommen.

Die Image-Strategen von Netanjahu stehen zu dem Ideenklau. Ron Dermer aus Netanjahus Team sagt: "Imitation ist doch die größte Schmeichelei!" Likud und die US-demokratische Partei säßen "im selben Boot", denn beiden gehe es um Stimmenfang. Dermer und seine Teamkollegen hätten Obamas sensationellen Sieg genau studiert, der ohne die elektronischen Medien kaum möglich gewesen wäre.

Aus dem Wahlkampfteam von Obama heißt es, viele Parteien hätten seine Internetseite kopiert, aber niemand so originalgetreu wie der israelische Likud. Im Unterschied zu Obama aber, der immer wieder von "Wandel" (change) geredet hat, verspricht Netanjahu in einem Ton, der aus der Armee kommt: "Gemeinsam werden wir erfolgreich sein."

Ultra-orthodoxer Slogan

Der erste schwarze US-Präsident und sein durchschlagendes Motto "Yes, we can" war auch ein Quell der Inspiration für die ultra-orthodoxe Schas. Die Partei, die bislang nicht durch modernes Erscheinungsbild aufgefallen war und vorwiegend von sozial benachteiligten orientalischen Juden gewählt wird, hat Obamas Leitspruch 1:1 ins Hebräische übersetzt: "Ken, anachnu jecholim!" heißt es jetzt landesweit auf Autobussen, Plakatwänden und an Ausfallstraßen, darunter das Logo der ultra-orthodoxen Partei.

Schas ist weniger von politischen Ambitionen geprägt als damit beschäftigt, als Koalitionspartner von den jeweiligen Regierungschefs finanzielle Unterstützung für ihre Religionsschulen und -kindergärten herauszuschlagen. Als der Parteivorsitzende Eli Jischai Anfang Dezember die Wahlkampagne vorstellte, wurde deutlich, dass die Partei das Motto auf ganz eigennützige Art interpretiert. Obama hatte an den gemeinsamen nationalen Geist appelliert, um ein neues Kapitel in der Geschichte der USA aufzuschlagen. Jischai aber meinte: "Ja, wir können bei der kommenden Wahl auf 18 Sitze im Parlament kommen."

"Ich will dich, Tzipi Baby, und ich bin nicht der Einzige"

Vom Obama-Fieber hat sich auch Schauspieler Liran Avisar inspirieren lassen: Zum Wahlsieg Obamas beigetragen hatte zweifellos auch Amber Lee Ettinger, das 26 Jahre alte schauspielernde Model aus den USA. Ihr Youtube-Video "Crush on Obama" wurde annähernd 13 Millionen Mal angeklickt. Avisar will nun an den sagenhaften Erfolg von "Obama Girl" Ettinger anknüpfen und hat das Video "Livni Boy" produziert, in dem er Außenministerin Tzipi Livni rappend seine Liebe gesteht. Livni geht als Vorsitzende der Mitte-Partei Kadima ins Rennen um das Premiersamt und kann Avisars plötzlicher Wahlkampfhilfe nur Gutes abgewinnen.

Livni braucht die Stimmen der wahlverdrossenen Jugend dringend, will sie gegen Netanjahu gewinnen. Auf das Video, das seit einer Woche bei Youtube angeklickt werden kann und bislang auf 3000 Interessenten gestoßen ist, haben Livnis Berater die Außenministerin aufmerksam gemacht. Sie war so begeistert von dem Clip, dass sie den Sänger persönlich anrief. Der fiel, wie er sagt, aus allen Wolken und glaubte erst an eine Stimmenimitatorin, als Livni sich für die Liebesode bedankte.

In dem Song singt "Livni Boy": "Oh, Tzipi, auf dich habe ich gewartet, du bist das, was ich von einem Politiker erwarte. Ich will nicht Ehud (Verteidigungsminister Barak), ich glaube nicht an Bibi, ich will dich, Tzipi Baby, und ich bin nicht der Einzige." Avisar rappt in dem Clip am Strand, in Tel Avivs Straßen und sogar in seinem Schlafzimmer, in dem ein Poster von der Außenministerin hängt, und gesteht: "Ich wusste schon immer, dass eine Frau den Wechsel bringt und nicht hohle Versprechungen macht." Avisar sagt zu seiner Botschaft, er wolle zeigen, dass "Livni wählen cool ist. Wir jungen Leute entwickeln nur dann einen Draht zu einem Politiker, wenn er cool ist".

Leser empfehlen 

(SZ vom 23.12.2008/ihe)