Die Parteien haben nach der Wahl das Interesse am Internet verloren, ihre Websites sind grotesk veraltet. Dabei wäre schnelle, direkte Kommunikation gerade jetzt hilfreich.
"Sie ist spannend, manchmal auch ein bisschen verrückt, aber es ist mein Laden." So spricht Björn Böhning in einem Video über seine Partei, die SPD. Böhning war Direktkandidat für den Berliner Wahlbezirk Friedrichshain/Kreuzberg, und er ist wie die gesamte Partei bei der Bundestagswahl abgewatscht worden. Nur 16,7 Prozent der Erststimmen entfielen auf ihn, 46,8 Prozent auf den Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele.
Parteien im Internet: Nach der Bundestagswahl vernachlässigen die Bundesparteien ihre Online-Auftritte. (© Foto: seyboldtpress, ddp, i-stock)
Anzeige
Trotzdem wirbt die SPD auf ihrer Website mit Böhning um neue Mitglieder. Unter der Rubrik "Aktuelles" findet sich das Video, das offensichtlich im Wahlkampf aufgezeichnet wurde. In Anbetracht der Lage, in der sich die SPD derzeit befindet, möchte man Böhning uneingeschränkt recht geben. "Ein bisschen verrückt" - das trifft den Nagel auf den Kopf. Dass die Partei auf ihrer Internetseite so freimütig damit umgeht, ist dennoch verwunderlich.
Der Inhalt der Website ist geradezu grotesk veraltet: Unter der Rubrik "Sozial und Demokratisch" findet sich das Konterfei des gescheiterten Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier mit dem Aufruf "Am 27. September SPD wählen!".
Das ist kein Ruhmesblatt für eine Partei, die sich im Wahlkampf offen dazu bekannte, auf Barack Obamas Spuren zu wandeln und sich als Internetpartei Deutschlands positionierte. Aber die Sozialdemokraten sind nicht allein: Nahezu alle Parteien haben ihre Web-Aktivitäten nach der Wahl stark zurückgefahren. Jetzt, wo der Wähler seine Stimme abgegeben hat, scheint ihnen das Netz nicht mehr wichtig zu sein.
Die FDP versammelte ihre Anhänger im Wahlkampf in einer "Mitmach-Arena". Der öffentliche Kalender, der vor einigen Wochen noch vor Terminen strotzte, ist seit dem 27. September leer. Bei den Grünen war bis Ende vergangener Woche zu lesen, das Spitzen-Duo Renate Künast und Jürgen Trittin sei "zu seiner Tour vor der Bundestagswahl 2009 aufgebrochen".
Bei der CDU wird noch immer mit dem "Deutschland-Tag" geworben, Angela Merkels Wahlkampf-Zugfahrt am 15. September, als sie "im Schlafwagen" durch die Republik reiste, wie die Opposition spottete.
Auch das Facebook-Profil der Kanzlerin wirkt dieser Tage etwas verschlafen: Seit dem Wahlsonntag wurden dort drei neue Einträge veröffentlicht - in zweien ging es um die Deutsche Einheit, in dem dritten gratulierte Merkel dem Deutschen Gewerkschaftsbund zum 60-jährigen Bestehen. In der Woche vor der Wahl waren insgesamt neun Beiträge veröffentlicht worden.
Im Wahlkampf wurde den Parteien vorgehalten, den kommunikativen Grundgedanken des Internets zu ignorieren und es als "digitale Plakatwand" zu missbrauchen. Nach der Wahl werden die alten Plakate einfach hängen gelassen.
Auf der nächsten Seite: Die Koalitionsverhandlungen wären das perfekte Testfeld für Web-2.0-Technik in der Politik - doch Deutschland droht ein Offline-Herbst.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Die Nuba: Leni Riefenstahls Bilder machten sie einst bekannt. Heute sucht das Volk aus Sudan Schutz in Höhlen und Felsspalten – vor den Bomben des Regimes in Khartum. Ein Frontbericht. Seite Drei Jetzt lesen ...
- SPD Wahlkampf war teurer als geplant 02.10.2009
- Wahl bei Twitter und Facebook "Wie gegen einen Lkw gelaufen" 28.09.2009
- Flashmobs im Wahlkampf "Yeah" - das letzte Mittel gegen Merkel 22.09.2009
- SPD-Wahlkampf Kandidat mit Joghurt-Logo 25.09.2009
- Bundestagswahl 2009 Die Grünen: Schlaflos im Internet 25.09.2009
- Laptops in der Vorlesung Klappe zu, Student allein 20.05.2010
- NRW: Wahlkampf im Internet Wie ein Plakat am Straßenrand 07.05.2010
Sorgerechtsverfahren in der Kritik
Lohnzettel auf Facebook
Parteispender 2010
Putin, der "Alpha-Rüde"
Politiker und ihre Pannen
keine Berücksichtigung findet, kann man davon ausgehen, dass deren Auftritt so schlecht nicht ist. Im Übrigen ist das Netz oftmals heillos überbewertet. Gerade Parteien wie die CDU wissen ganz genau, dass deren Klientel zu großen Teilen nichts mit diesem Medium anzufangen weiss. Maximal bild.de geht da.
Wozu sollen die sich denn anstrengen? Die einen haben das strunzdumme Stimmvieh im Sack, die anderen lecken beleidigt die Wunden.
Mit Phrasen, Ausflüchten und Schaumschlägereien wird der "mündige Bürger" tagaus und tagein bereits per TV, Radio und Printmedien eingedeckt.
Deshalb muss man nicht auch noch das Internet missbrauchen um dort dieselbe Suppe zu präsentieren.
Zum Thema "Aktuell":
SPD-Augsburg. Ortsverein Hochfeld.
Das Aktuellste unter „Aktuelles“: Ankündigung der Jahreshauptversammlung des SPD-Ortsvereins Hochfeld „mit Prof. Dr. Martin Pfaff, MdB a.D.“ am
20.7.2009 um 19:00 Uhr.
Das zweitaktuellste Ereignis: Veranstaltungs-Ankündigung zum 22.6.2009.
Das drittaktuellste Ereignis: Vorstellung des am 31.3.2008 (in Worten: zweitausendacht) neu gewählten Vorstandes.
Noch Fragen?
Über Myspace werde ich von der Linkspartei und vorallem deren Jugenorganisation Solid über neue Termine oder Nachrichten informiert ...
Über Youtube kann ich mir regelmäßig neue Interviews oder Bundestagsreden ansehen ...
Wer sich wundert das die Union und die SPD ihre Internetpräsenzen nun schleifen lassen der ist wirklich naiv, merkt man doch bei jeder Diskussion dazu das es ihnen zutiefst unheimlich ist ...
Paging