Ein Kommentar von Sonja Zekri

Island droht der Staatsbankrott. Russland könnte das verhindern: Moskau hofft mit einer Rettungsaktion auf einen internationalen Sympathie-Bonus.

Island droht der Staatsbankrott, nun hofft es auf Rettung aus Russland. Einen Kredit über vier Milliarden Euro wolle Moskau bereitstellen, erklärte die Zentralbank in Reykjavik am Dienstagmittag. Ein paar Stunden und ein russisches Dementi später musste sie sich kleinlaut korrigieren. Noch führe man erst Gespräche, wolle zügig Experten nach Moskau schicken und hoffe generell aufs Beste.

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Den Kreml bringt die Bitte aus Reykjavik in eine sehr angenehme Situation. Nach Monaten europäischer und amerikanischer Vorwürfe wegen der Demütigung und Zerstückelung Georgiens soll ausgerechnet Russland nun zum Retter für die kleine isländische Demokratie werden. Und andere Länder stehen auch schon Schlange.

Das hätte kein Kreml-Drehbuch schöner inszenieren können, und es passte wunderbar ins Bild, dass Dmitrij Medwedjew in der ersten Internet-Botschaft eines russischen Präsidenten vor einem High-Tech-Wald aus Bildschirmen und Telefonen zum "gemeinsamen Handeln" angesichts der weltweiten Krise aufrief. Russland hilft doch gern.

Skeptiker vermuten, dass Moskau sich seine Kredite politisch vergelten lassen wolle, durch Einfluss in der Wirtschaft oder die Unterstützung in strittigen Fragen, wie der Georgien-Politik. So würde sich Moskau aus der Defensive sozusagen wieder ins diplomatische Geschäft zurückkaufen.

Aber der Kreml hat sehr viel naheliegendere Gründe, seine Solvenz zu demonstrieren. Die Finanzkrise hat die Moskauer Börse nämlich härter getroffen als andere Märkte. Am Montag erlebte sie den schlimmsten Crash ihrer Geschichte, über Stunden wurde der Handel ausgesetzt.

Seit Mai hat sich der Wert des russischen Aktienmarktes halbiert. Selbst ein Gigant wie Gazprom hat ein Viertel seines Wertes eingebüßt. Russlands Milliardäre, die ihre Geschäfte angesichts eines dürftig entwickelten Bankensektors vor allem im Ausland finanzieren, müssen sich von großen Projekten verabschieden, wie beispielsweise Oleg Deripaska vom kanadischen Autozulieferer Magma. Die Oligarchen sind nicht mehr liquide.

Russland verfügt zwar über einen Stabilitätsfonds von 500 Milliarden Dollar und damit nach China und Japan über die drittgrößten Währungsreserven der Welt. Aber inzwischen muss der Kreml die taumelnden Märkte fast wöchentlich mit Summen stützen, die dem Bruttosozialprodukt kleiner Länder entsprechen. Und da werden selbst 500 Milliarden zu einer überschaubaren Größe.

Russlands Börsen werden nicht nur durch die übliche Angst vor der Angst und das gegenseitige Misstrauen der Banker gebeutelt. Alles Unbehagen, alle Unsicherheiten der vergangenen Monate entladen sich jetzt: der Alleingang in Georgien, der halbherzige Kampf gegen die Korruption, der machiavellistische Umgang mit Recht und Eigentum. Wo es ohnehin nur um Psychologie und Image geht, wären vier Milliarden Euro für das kleine Island deshalb klug angelegtes Geld.

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(SZ vom 08.10.2008/ssc)