Innere Sicherheit Tödliches Versagen

Er nutzte 14 Identitäten und war als Gefährder aktenkundig. Warum konnte Anis Amri dennoch auf einem Berliner Weihnachtsmarkt morden? Bis heute sind viele Fragen offen.

Von Ronen Steinke

Der Lastwagen sieht von vorne aus wie eine dicke, schwarze Maske, feindselig, undurchdringlich. Am Abend des 19. Dezember 2016 mäht er in Berlin mit seiner Mordskraft aus Hunderten PS Dutzende Menschen nieder, Weihnachtsbuden, Tannenbäume aus Kunststoff. Nach 80 Metern kommt er zum Stehen, Teile des Weihnachtsmarktes stecken in der Frontscheibe. Als Polizisten kurze Zeit später vorsichtig in das Fahrerhäuschen blicken, entdecken sie Spuren eines Kampfes. Überall Blut. Auf dem Beifahrersitz ein toter Mann, erschossen. Es ist der ursprüngliche Fahrer, ein Mann aus Polen, ermordet von seinem Entführer. Es gäbe eine Fülle von Indizien, um den ersten großen islamistischen Terroranschlag in Deutschland aufzuklären. Wie sich aber später herausstellt, brauchen die Ermittler all das gar nicht.

21 Stunden nach der Tat machen die Spurensicherer der Polizei den entscheidenden Fund: Der Täter hat eine Bescheinigung mit seinem Namen liegen gelassen. Ob aus Versehen oder aus Absicht, weiß man nicht. Was die Polizisten jedenfalls in den Händen halten, ist eine Duldung. Ausgestellt auf einen Mann namens Ahmed Almasri aus Tunesien. Geboren am 1. Januar 1995. Gezeichnet: die Ausländerbehörde von Kleve in Nordrhein-Westfalen.

Als Angela Merkel am Morgen nach dem Anschlag im Kanzleramt vor die Presse tritt, spricht sie schon nach zwei Minuten an, was bislang eine böse Vorahnung ist. "Ich weiß, dass es für uns alle besonders schwer zu ertragen wäre", sagt die Kanzlerin, "wenn sich bestätigen würde, dass ein Mensch diese Tat begangen hat, der in Deutschland um Schutz und Asyl gebeten hat."

Merkel sagt nicht Flüchtling. Vielleicht aus Respekt vor denen, die wirklich nur Schutz gesucht haben. Vielleicht aber ist es auch ein unbewusster Versuch, die Tat, den Täter und ihre Politik der vergangenen Monate, ihre Flüchtlingspolitik, irgendwie auseinanderzuhalten, jetzt, da sie scheinbar unaufhaltsam miteinander verknüpft werden.

Die politischen Probleme beginnen damit, dass der Täter nicht Almasri heißt. Den Mann, der sich unter diesem Namen in Kleve registriert hat, kennen die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern als Anis Amri, geboren am 22. Dezember 1992 in Tunesien. Im Lkw werden Amris Handy und Fingerabdruckspuren gesichert. Wie sich herausstellt, hat er noch mehr Namen. Als am 30. Mai 2016 sein Asylantrag abgelehnt wurde, waren acht Alias-Identitäten aktenkundig, später erhöhte sich die Zahl auf 14. Ein Symptom der Überforderung, die in der Flüchtlingskrise bei vielen deutschen Ämtern herrschte.

Es wird im Jahr 2017 zwei parlamentarische Untersuchungsausschüsse beschäftigen: Während Anis Amri sich in den Monaten vor dem Anschlag radikalisierte, konnten die Behörden zusehen. Im November 2015, wenige Tage, nachdem IS-Terroristen in Paris 130 Menschen ermordet hatten, soll Amri an einem Treffpunkt von Islamisten in Duisburg aufgetaucht sein. Er soll gesagt haben, er wolle nun "hier etwas machen" und könne "problemlos eine Kalaschnikow besorgen".

Amri war in Nordrhein-Westfalen in den Bann eines echten Charismatikers geraten, eines Trösters und Verführers. Abu Walaa, ein 32-jähriger Iraker, predigte im Ruhrgebiet, und immer ging es um große Gefühle. Einmal erzählt er von einem behinderten Jungen, Ibrahim und dessen unerschütterlicher Liefang 40: Hat dieser "Murat", der in den Unterlagen des LKA den Namen VP-01 trägt, Amri auf dem Weg in die Radikalität angestachelt? Der Vorwurf steht jetzt im Raum, auch wenn er von dubioser Seite erhoben wird, nämlich von anderen Islamisten. Und noch eine Frage gibt es. Wenn die Behörden so viel wussten, hätten sie Amri dann nicht stoppen können? Schon seit dem 17. Februar 2016 klassifizierten sie ihn als sogenannten Gefährder. Doch im Zusammenspiel der Bundesländer ging bald der Überblick verloren. Bis 11. März 2016 war das LKA Nordrhein-Westfalen für Amri zuständig, vom 11. März an das LKA Berlin und vom 10. Mai an wieder NRW. Auch waren mindestens sieben Staatsanwaltschaften mit Ermittlungen gegen ihn befasst. An einem Freitag im Mai 2016 entschied das be zu Gott: "Er kann nicht mal seine Hände bewegen. Er liegt im Bett. Aber ich habe nie einen Menschen gesehen, der so zufrieden ist mit seinem Leben. Er hatte so eine schöne Stimme, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen!" Anschließend ging es um den Dschihad, den sogenannten Heiligen Krieg.

Wenn Anis Amri mit diesem Prediger zusammen war, dann war meist auch "Murat" dabei. Und dann erfuhren es hinterher, ganz diskret, die Staatsschützer der nordrheinwestfälischen Polizei. "Murat" war Spitzel des Landeskriminalamts, ein V-Mann. Es gilt als Meisterstück der Staatsschützer, dass sie ihn dort platzieren konnten. Doch so wuchert seither auch ein Verdacht; wie immer, wenn ein staatlicher V-Mann länger im Einsatz war. Ein Deutschtürke, etwas übergewichtig, Anfang 40: Hat dieser "Murat", der in den Unterlagen des LKA den Namen VP-01 trägt, Amri auf dem Weg in die Radikalität angestachelt? Der Vorwurf steht jetzt im Raum, auch wenn er von dubioser Seite erhoben wird, nämlich von anderen Islamisten. Und noch eine Frage gibt es. Wenn die Behörden so viel wussten, hätten sie Amri dann nicht stoppen können?

Der Täter: Anis Amri, vermutlich geboren am 22. Dezember 1992 in Tunesien.

(Foto: AP)

Schon seit dem 17. Februar 2016 klassifizierten sie ihn als sogenannten Gefährder. Doch im Zusammenspiel der Bundesländer ging bald der Überblick verloren. Bis 11. März 2016 war das LKA Nordrhein-Westfalen für Amri zuständig, vom 11. März an das LKA Berlin und vom 10. Mai an wieder NRW. Auch waren mindestens sieben Staatsanwaltschaften mit Ermittlungen gegen ihn befasst. An einem Freitag im Mai 2016 entschied das Land Berlin: Anis Amri sei nicht mehr als Gefährder anzusehen. Entwarnung. Am folgenden Dienstag entschied das Land Nordrhein- Westfalen: Doch doch, Amri gelte von nun an als Gefährder.

Im Laufe des Herbstes verloren die Sicherheitsbehörden den Mann mit den 14 Namen aus den Augen. Im Dezember schlug er zu. Er hatte nicht mehr lange zu leben. Amri geriet am Morgen des 23. Dezember nördlich von Mailand in eine Polizeikontrolle, zog die Waffe, mit der er den Lkw-Fahrer ermordet hatte, und starb bei dem Schusswechsel mit den Beamten. Was bleibt, sind viele offene Fragen und die Trauer um zwölf Menschen.