Innenministerien von BRD und DDR Auf die Erfahrung der Altnazis wollte man nicht verzichten

  • Zwischen 1949 und 1970 waren im Schnitt die Hälfte der Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums ehemalige Mitglieder der NSDAP. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie.
  • In der Frühzeit der Bundesrepublik wollte man auf die Berufserfahrung der Beamten nicht verzichten.
  • Auch im Innenministerium der DDR war der Anteil von Altnazis mit 14 Prozent höher als bisher bekannt.
Von Katrin Langhans, Berlin

Ein kleiner Kreis ehemaliger Beamter des Reichsministeriums sollte 1949 unter strengster Verschwiegenheit eine Vorschlagliste für künftige Beamte erarbeiten. Das Fazit der Truppe war ernüchternd: Man könne ein neues demokratisches Bundesministerium des Innern kaum ohne ehemalige NSDAP-Mitglieder aufbauen. Der ehemalige Ministerialrat Erich Keßler vermeldete: "Die Vorbesprechungen haben ergeben, dass nach Fähigkeit, Haltung und Alter geeignete Beamte ohne jede Verbindung zu Parteiorganisationen nur in gänzlich unzulänglichem Maße zur Verfügung stehen". Die NS-Vergangenheit kam als Ausschlusskriterium für die Experten nicht in Frage.

Die braune Vergangenheit zieht sich durch alle Ministerien, jetzt hat eine Studie des Instituts für Zeitgeschichte und des Zentrums für Zeithistorische Forschung erstmals untersucht, wie groß der Einfluss der NS-Vergangenheit in den beiden Innenministerien war. Das Ergebnis überrascht selbst die Experten, denn, abgesehen vom Bundeskriminalamt, gab es in keinem der bisher untersuchten Ministerien einen so hohen Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder, wie im Bundesministerium des Innern in Bonn. Von 1949 bis 1970 waren im Schnitt die Hälfte der leitenden Beamten ehemalige Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Auch das Ministerium des Innern der DDR hatte mit 14 Prozent einen höheren Anteil früherer Parteimitglieder als bisher belegt.

Ausschnitt der Wirklichkeit

Fokussiert auf ein Merkmal: Timothy Snyder biegt in seinem Buch die Geschichte der Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg - bis sie zu seiner Gegenwartsanalyse passt. Rezension von Michael Wildt mehr ... Rezension

"Man wollte nicht auf die Expertise verzichten"

"Man wollte nicht auf die Expertise verzichten", sagte Frieder Günther vom Institut für Zeitgeschichte in München. Man legte großen Wert auf eine einschlägige, langjährige Berufserfahrung, die vor allem bei ehemaligen Parteimitgliedern zu finden war. Die Zahl der Vorbelasteten stieg in den 50er-Jahren weiter an und erreichte 1961 mit 66 Prozent ihren Höhepunkt. Auch die Zahl der ehemaligen SA-Mitglieder nahm stetig zu und erreichte mit 45 Prozent Anfang der 60er unter Innenminister Schröder den Höchstwert.

Die Beamten selbst bezeichneten sich als "unpolitisch" und begründeten die frühere Parteimitgliedschaft oft mit Druck von außen. Innenminister Gustav Heinemann und sein Nachfolger Robert Lehr, die beide nie Parteimitglieder gewesen waren, betrachteten die NS-Vergangenheit mit offenkundigem Argwohn, konnten die Einstellungen aber nicht stoppen.

So übernahm etwa Kurt Breull das Aufenthalts- und Ausländerrecht, obwohl er schon Ende der 30er-Jahre mit seiner antisemitischen Grundhaltung aufgefallen war. Seiner Arbeit spürte man die ideologische Vergangenheit deutlich an. Er versuchte massiv, Rückwanderer aus Israel abzuschieben, die in der Anlaufstation Föhrenwald bei München ankamen. Die bayerische Staatsregierung aber signalisierte, seine scharfen Forderungen nicht gegen den Willen der Bevölkerung umzusetzen.

Wie viel Nazi steckt in Deutschland?

Aus Flaggen wurden Kleider, Hakenkreuze von Löffeln abgekratzt: Die Entnazifizierung sei bedingt gelungen, befanden die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Ausstellung zeigt neue Erkenntnisse. Von Ruth Schneeberger, Berlin mehr...