Innenminister zu Terrorgefahr De Maizière: An der Orgel der Angst

Einen Tag vor dem vermeintlichen Bombenfund von Windhuk publizierte der Innenminister eine Terrorwarnung. Zwar hatte das eine mit dem anderen gar nichts zu tun - aber es schien so, als käme den Behörden der zeitliche Zusammenhang nicht ungelegen.

Von Heribert Prantl

Die Bombe war keine Bombe, sondern ein "Realtest-Koffer". Es ist noch nicht ganz klar, wer diesen ,,Realtest'' veranstaltet hat, um damit die Aufmerksamkeit der Sicherheitsorgane am Flughafen in Windhuk zu testen. Klar ist aber, dass dieser Koffer nie auch nur in die Nähe des Airbus A330 der LTU/Air Berlin gelangt ist, der zum Flug nach München bereit stand. Aber dieser Realtest-Koffer hat gereicht, um eine Ahnung davon zu geben, was in Deutschland los sein wird, wenn ein Koffer einmal kein Koffer, sondern eine Bombe ist. Aus einer Information des Bundeskriminalamts über ein "verdächtiges Gepäckstück" wurde ein Informations- und Kommunikations-GAU.

Dessen Kern und Ausgangspunkt war die ungewöhnlich detaillierte Information, die das Bundeskriminalamt (BKA) am Donnerstag um 10.42 Uhr verbreitete. Sie war so detailliert, dass sich daran die "Faszination des Bösen", von der kürzlich ein Redner bei der BKA-Herbsttagung gesprochen hatte, wunderbar entfalten konnte: "Bei der Verladung des Gepäcks in einen Airbus der Fluggesellschaft LTU/Air Berlin von Windhuk nach München isolierte die namibische Polizei ein verdächtiges Gepäckstück. Beim anschließenden Durchleuchten wurden Batterien, die über Kabel mit einem Zünder und einer laufenden Uhr verbunden waren, sichtbar." Bei dem Gepäckstück handelte es sich um eine in Plastik eingewickelte Laptop-Tasche.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte überlegt, ob er diese Meldung selbst oder durch seinen Sprecher herausgeben solle. Er entschied sich dann für die Fachbehörde, also das BKA, auf dass nicht er in Zukunft zu jedem verdächtigen Koffer höchstpersönlich Stellung nehmen müsse. Die Formulierung war freilich genauestens mit ihm abgestimmt. Der Minister hatte für eine offensive öffentliche Benachrichtigung plädiert - weil er fürchtete, dass nach der um sechs Stunden verspäteten Landung des Flugzeugs aus Windhuk, ausgehend von Passagieren, alsbald allerlei Tatarenmeldungen die Runde machen würden. Das Kalkül des Ministers war: Je mehr er selbst sagt und sagen lässt, um so weniger Spekulationen wird es geben.

Das war eine Fehlkalkulation. Die "Faszination des Bösen", von den Sicherheitsbehörden angestachelt, überschlug sich in den Eilmeldungen der Nachrichtenagenturen. In einer Meldung war das verdächtige Paket gar schon im Flugzeug. Namibia, das frühere Deutsch-Südwest, wurde flugs und allenthalben als neuer Hort des Verbrechens beschrieben. Die Fluggesellschaft Air Berlin entwarnte zwar sehr schnell und gab an, das Gepäckstück sei gar nicht für einen bestimmten Zielort bestimmt gewesen. Aber Bundesinnenminister de Maizière widersprach und warnte beharrlich weiter; am Donnerstag, am Rand der Innenministerkonferenz in Hamburg, sagte er, es spreche vieles dafür, dass der Koffer für München bestimmt gewesen sei. Er stützte sich auf angebliche Informationen, dass das verdächtige Gepäck schon auf dem Gepäckband gelegen habe.