Von Peter Burghardt, Buenos Aires

Mehrmals während ihrer Geiselhaft wollte Ingrid Betancourt sterben. Doch unmittelbar nach ihrer Befreiung mischt sie schon wieder in der Politik mit - und ist als Kolumbiens Präsidentin im Gespräch.

Am Tag zwei im neuen Leben stand Ingrid Betancourt an einem Grab. Mit ihrer Familie besuchte sie vor dem Abflug nach Paris den Friedhof in Bogotá, wo ihr Vater Gabriel ruht. Sein schwaches Herz machte nicht mehr mit, als seine Tochter am 23. Februar 2002 von der kolumbianischen Guerillabewegung Farc verschleppt wurde.

Betancourt, AFP

Ingrid Betancourt beeindruckt durch ihre Souveränität, die sie sich in 2323 Tagen Geiselhaft erhalten hat. (© Foto: AFP)

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Die Entführte erfuhr von seinem Tod im Urwald aus dem Radio, der einzigen Verbindung zur Welt. Es war vielleicht der schlimmste Moment in Geiselhaft. Selbst den Gang zum Friedhof hielten Kameras fest, nur am Grab gab es einen Moment der Intimität. Ansonsten war fast alles öffentlich, auch die ersehnte Umarmung mit ihren Kindern Melanie und Lorenzo ("mein Stolz, mein Sinn des Lebens, mein Licht, mein Mond, meine Sterne").

Zuschauer mag es erstaunen, welches Programm diese schmale Frau abspult, nach 2323 Tagen in einem Lager der Farc im Dschungel, oft angekettet, krank. "Sie wollte sterben", berichtete der Mitgefangene William Pérez. Der Soldat päppelte sie auf, als sie besonders litt, zwischendurch fütterte er sie wie ein Baby. "Ich habe nicht versucht, mich umzubringen, aber ich dachte täglich daran", sagte sie in einem der vielen Kurz-Interviews. "Mich hielt die Stimme meiner Mutter im Radio zurück." Außerdem ist sie streng gläubig.

Doch kaum wurde sie zusammen mit 14 anderen in dieser mysteriösen Militäraktion gerettet, da trifft die vormalige Präsidentschaftskandidatin nicht nur Verwandte, sondern auch Staatsmänner, sie hält Vorträge, fliegt nach Paris, plant Aktionen. Ingrid Betancourt ist schon wieder ganz Politikerin.

Schon wird sie gefragt, ob sie 2010 Kolumbiens Präsidentin werden oder lieber in Frankreich Karriere machen will. "Uff, ich komme gerade aus dem Busch, da ist mir die Präsidentschaft so fern", sprach die vormalige Senatorin. "Ich weiß nicht. Frankreich liebe ich von ganzem Herzen, aber wenn ich Politik mache, dann hier."

In beiden Ländern steht sie im Rang einer Volksheldin. In Kolumbien war sie 2002 eine exotische Außenseiterin, sie hätte für eine Art grüne Partei ein paar Prozent bekommen. Sie wurde vor der Abstimmung verschleppt - auf dem Weg zum einzigen Bürgermeister ihrer Partei, mitten im Farc-Gebiet.

Das weltberühmte Drama hat ihr Image sehr verbessert und ihre Bekanntheit multipliziert. In Kolumbien ist allenfalls einer noch populärer: Amtsinhaber Álvaro Uribe, der 2002 gewann und 2006 erneut. 2010 könnten er oder sein Verteidigungsminister Juan Manuel Santos ihre Gegner sein, noch sind sie ihre Befreier. "Ingrid wird die politische Landkarte Kolumbiens verändern", ahnt der Analyst Pedro Medellín von der regierungsnahen Zeitung El Tiempo: "Sie ist die Einzige, die Uribe bei einer Wahl besiegen kann."

Noch ist ihre Befreiung Uribes größter Triumph, der Erfolg wäscht ihn zu seinem 56. Geburtstag am Freitag fürs erste rein von mutmaßlichen Sünden. Ihm wird Nähe zu rechten Paramilitärs und Todesschwadronen nachgesagt, mehrere seiner Abgeordneten stehen unter Anklage oder sitzen im Gefängnis. Der Drogenanbau nimmt trotz milliardenschwerer Hilfe der USA zu, und mehr als drei Millionen Kolumbianer sind auf der Flucht. Obendrein hat der rechtskonservative Mandatsträger die Verfassungsänderung für seine Wiederwahl vor zwei Jahren nach Ansicht des Obersten Gerichtshofes erkaufen lassen. Er liegt mit der Justiz im Clinch. Gerne würde Uribe 2010 noch einmal antreten, seine Anhänger halten ihn seit diesem Coup für unverzichtbar. Europa gratuliert, Washington sowieso. George W. Bush, Barack Obama und John McCain würdigten Uribe, der Republikaner war eben erst sein Gast.

Selbst bei Menschenrechtlern und vormaligen Erzfeinden aus der Nachbarschaft weicht die Ablehnung kurz der Zustimmung. Über Nacht wandelte sich der Paria der ansonsten weitgehend linken Anden zum Star. Venezuelas Präsident Hugo Chávez lobt den Gegenspieler, Evo Morales aus Bolivien auch.

Ingrid Betancourt will Chávez und Ecuadors Präsidenten Rafael Correa zurück in die Verhandlungen bringen, um bei den Farc weitere Freilassungen zu erwirken. Vor kurzem hatten beide noch Truppen an die Grenzen geschickt, als Uribe einen Farc-Stützpunkt in Ecuador bombardieren ließ.

Betancourt, die schon für den Friedensnobelpreis empfohlen wird, sagt: "Bei den Entführten und anderen Problemen der Region darf es keine Grenzen geben." Für die älteste und größte Guerilla Lateinamerikas sieht es derweil schlecht aus. Chávez empfahl den Farc, die Waffen niederzulegen. Nun riet auch ein alter Mann aus Havanna, den Kampf sein zu lassen: Fidel Castro aus Kuba, der Revolutionär der Revolutionäre.

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(SZ vom 4.7.2008/beu)