Statt den alten Konflikt nach vier Jahren vorsichtiger Annäherung wieder anzuheizen, sollten Indien und Pakistan ihr gemeinsames Schicksal erkennen: Der Terror ist beider Gegner.
Die Schlacht ist geschlagen, doch in die Stille nach dem Sturm mischt sich schon neues Säbelrasseln. Indien, vom Terror tief getroffen, lässt keine Gelegenheit aus, "Elemente in Pakistan" verantwortlich zu machen für den Albtraum von Mumbai.
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Ein indischer und ein pakistanischer Soldat (rechts) am Grenzübergang Wagah. An der Grenzen findet jeden Tag eine Parade der Grenzsoldaten statt. (© Foto:)
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Gewiss, es gibt dafür Indizien, angeblich sogar entsprechende Aussagen eines gefangenen Angreifers. Vor allem aber folgt Indiens Politik einem Reflex: In den sechs Jahrzehnten eines Konflikts, der sich bereits in drei Kriegen und zahlreichen Terrortaten entladen hat, musste einfach immer der feindliche Bruder schuld sein an allem Übel. Die Regierung in Delhi hat sich damit jetzt wieder auf ein gefährliches Spiel eingelassen. Schlimmstenfalls könnten dessen Folgen weit dramatischer sein als der Terrorangriff mit den fast 200 Toten.
Im Krieg der Worte sind beide Länder geübt, und sie sind leider kein bisschen leiser geworden, seit sie als Atomstaaten mit ihrem oft kleinkarierten Gezeter gleich den ganzen Weltfrieden gefährden können. In den letzten Tagen hat also zuerst Indien "ernsthafte Konsequenzen" angedroht, worauf Pakistan mit der Ankündigung reagierte, Soldaten aus der Grenzregion zu Afghanistan an die gemeinsame Grenze zu verlegen.
Nach vier Jahren einer vorsichtigen Annäherung, die durch den Machtwechsel in Pakistan noch neuen Schwung bekommen hatte, droht damit die Rückkehr ins alte Konfliktmuster. Weil das aber für die gesamte Region inklusive Afghanistan bedrohlich ist, schickt Washington in dieser Woche gleich Außenministerin Condoleezza Rice auf Vermittlungsmission. Ihr vorrangiges Ziel müsste es sein, Indiens Regierung - trotz des dort anlaufenden Wahlkampfs - zur Mäßigung aufzurufen.
Denn selbst, oder eher noch: Gerade wenn sich die These von einer Täterschaft der pakistanischen Terrorgruppe Lashkar-e-Taiba erhärten lässt, sind Attacken auf die pakistanische Führung kontraproduktiv. Zwar ist die "Armee der Frommen" einst vom notorisch verdächtigen pakistanischen Geheimdienst ISI für den Kampf gegen die Inder in Kaschmir munitioniert worden, und man darf annehmen, dass die Verbindungen fortdauern.
Aber dass dies derzeit noch mit Zustimmung der Führung in Islamabad geschieht, ist auszuschließen. Denn erstens gibt es erkennbare Bemühungen von Präsident Asif Ali Zardari, den ISI unter Kontrolle zu bringen. Und zweitens hat Lashkar-e-Taiba auch in Pakistan selbst oft gewütet.
Die kriegerischen Bruderstaaten haben tatsächlich einiges gemeinsam: Der Terror in all seinen Facetten ist beider Feind - in Pakistan kosteten Anschläge im vergangenen Jahr knapp 3600 Menschen das Leben, doch auch in Indien gab es laut einer Statistik des US-Außenministeriums 2300 Terror-Tote. Und genauso wie Pakistan hat auch Indien ein ganzes Bündel ungelöster innerer Probleme, die das Land immer wieder in seinen Grundfesten erschüttern.
Dazu zählt der Konflikt mit der Muslim-Minderheit von 130 Millionen Menschen, aus der sich zahlreiche indische Mudschaheddin-Gruppen rekrutieren, aber auch die Gewalt der Hindu-Fanatiker. In beiden Ländern konnten die inneren Konflikte wuchern, weil sie mit Verweis auf den äußeren Feind gern ignoriert wurden.
Wer also nun die Frage stellt, wem der Terror von Mumbai schadet und wem er nutzt, der sieht die beiden Regierungen schicksalhaft verbunden. Der größte Schaden liegt in einer Belastung der indisch-pakistanischen Beziehungen, und davon profitieren die Extremisten beider Seiten - die Terror-Gruppen, aber auch politische Gegner der jetzigen Führungen.
In Indien könnte eine Eskalation bei der Wahl im Frühjahr die Kongresspartei hinwegfegen und die Hindu-Nationalisten an die Macht bringen; in Pakistan könnte das Militär den Aussöhnungskurs von Präsident Zardari beenden. Wenn dann die Radikalen regieren, ist der Weg frei für eine neue Runde in einem der gefährlichsten Konflikte der Welt.
(SZ vom 02.12.2008/gba)