Von Tomas Avenarius

Der Krieg gegen die Taliban hat den Weg geöffnet für ein neues Afghanistan - doch alte Rivalitäten und Bräuche gefährden den Aufbau.

(SZ vom 10.09.2002) So zynisch es klingt: Für Afghanistan war der 11. September so etwas wie ein Glückstag. Nach dem Al-Qaida-Terroranschlag stand das zentralasiatische Land plötzlich im Mittelpunkt der internationalen Politik. Ein vergessenes Land, das nach zwanzig Jahren Krieg nur noch Synonym war für Bürgerkrieg, religiösen Fanatismus, ethnischen Hass, Tribalismus und schmutzige geopolitische Spiele der Großmächte und Nachbarstaaten. Ein zerstörtes und extrem armes Land, das von einem international nicht anerkannten Fundamentalisten-Regime regiert war und Drogen und islamischen Extremismus exportierte.

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So wurde der Krieg, der dem Terror folgte, zur Chance: Für Frieden, Wiederaufbau, für eine halbwegs demokratische Entwicklung. Fraglich ist, ob diese Chance wirklich genutzt wird. Ziel des von den USA und den Briten geführten Krieges war es nicht nur, Osama bin Ladens Al-Qaida-Gruppe auszuschalten. Auch das Regime seiner Gastgeber, der Taliban, wollte die Koalition gegen den Terror stürzen. Das zumindest ist gelungen, auch wenn sich nun die Anzeichen verdichten, dass sich Kämpfer der al Qaida im Land neu zu formieren beginnen.

Die von den Vereinten Nationen auf den Weg gebrachte Regierung mit dem Paschtunen Hamid Karsai an der Spitze hat das Land nicht im Griff. Der Präsident regiert zwar in Kabul, aber das Sagen in der Provinz haben die Warlords und Regionalfürsten. Und Karsai lebt extrem gefährlich, wie der Attentatsversuch in der vergangenen Woche offenbarte, der ihn um ein Haar das Leben gekostet hätte. Die internationale Friedenstruppe Isaf patrouilliert nur in Kabul, und nicht einmal dort konnte sie den Bombenanschlag am 5. September verhindern, bei dem 30 Menschen getötet wurden.

Primitiv und rückständig

Der Rest des Landes ist, was die Sicherheit angeht, sich selbst überlassen. Der Wiederaufbau des schon von den Sowjets zerstörten Landes wird Jahrzehnte dauern: Es gibt keine Industrie, die Landwirtschaft liegt brach, das ganze Land ist durch Minen verseucht, die Infrastruktur liegt in Trümmern. Dass Millionen Flüchtlinge, die in Pakistan, Iran und Europa leben, langsam zurückkehren, heißt noch nicht, dass sie wirklich mit dauerhafter Stabilität rechnen. All dies scheint aber immer noch besser zu sein als das Taliban-Regime. Dieses war nicht nur radikal-islamisch wie das des Iran, sondern zugleich primitiv und rückständig. Die Männer wurden in die Moscheen geprügelt, durften die Bärte nicht mehr schneiden, keine "unislamischen" Kleider wie Anzüge oder Krawatten tragen. Bildung wurde durch Koran-Unterricht ersetzt, Dieben schlug man die Hände ab, Hinrichtungen nach Scharia-Recht waren Alltag. Eine "Tugendpolizei" patrouillierte durch die Städte, Hilfsorganisationen wurden in ihrer Arbeit behindert. Dieser "Gottesstaat" erregte nicht nur in den USA, Asien und Europa Entsetzen, sondern auch in den meisten islamischen Staaten.

Der Islam der Taliban hatte oft mehr mit den rückständigen dörflichen Traditionen Afghanistans zu tun als mit Religion. So hatte das Regime die Frauen in einer Art unterdrückt, die schlimmer war als alles, was in Afghanistan ohnehin üblich ist. Es war weniger der Zwang zum Tragen der Burka, des Ganzkörperschleiers. Den Frauen wurden Arbeit und Schule verboten, sie durften nicht alleine auf die Straße gehen, konnten nicht zum Arzt. Nicht einmal betteln sollten Kriegswitwen mehr dürften - was für viele einem Todesurteil gleichkam.

Fernab westlicher Wunschvorstellungen hat sich durch den erzwungenen Regimewechsel indes nicht so viel geändert für die Frauen. Natürlich laufen in der Hauptstadt Kabul mittlerweile einige von ihnen mit dem Kopftuch statt der Burka herum. Es ist aber nicht die Mehrheit, sondern eine Minderheit. Manche arbeiten jetzt in Ministerien, Krankenhäusern und bei Hilfeorganisationen. Die Mädchen in Kabul gehen wieder zur Schule. Der Zugang zu Bildung und Arbeit ist die wichtigste Veränderung für die Frauen und entscheidender als die Schleierfrage. In der Provinz aber ändert sich vorerst wenig. Auf dem Dorf gelten die Frauen nicht viel mehr als ein Stück Vieh. Dort ist der Schleier nicht wegzudenken, dort entscheidet der Vater, ob die Tochter zur Schule geht.

Von Rechten für die Frauen redet hier keiner, sondern von Traditionen und vom Koran. Das war vor den Taliban so - und wird wohl auch noch lange so bleiben. Die radikalislamische Taliban-Ideologie galt weltweit als Inbegriff menschenverachtender Politik. Doch vor dem 11. September hatte die Welt mangels Einflussmöglichkeiten Geduld gezeigt mit den "Koranschülern" - und dabei den Vorteil gesucht: Die USA versuchten anfangs, mit den Fundamentalisten ins Geschäft zu kommen. Es ging um Pipelines, die durch Afghanistan gebaut werden sollten, um Iran und Russland aus dem Ölgeschäft zu verdrängen. Doch die Menschenrechtsverletzungen der Kabuler Regierung zwangen Washington dazu, sich abzuwenden. Der Krieg ermöglicht es den USA, erneut ihre strategischen Ziele umzusetzen. Die Amerikaner fanden Zugang nach Zentralasien, haben mit Afghanistan eine Basis nahe der rohstoffreichen Region des Kaspischen Meeres - und verdrängen Russland aus seinem "Hinterhof".

Mit dem Fall der Taliban tat sich die Möglichkeit auf, einen Staat und eine Nation zu bilden - etwas, was es in Afghanistan die meiste Zeit nur in Ansätzen gab. Clan-Denken, Tribalismus und die Vormacht einer einzelnen Ethnie waren in Afghanistan normal, selbst in der kurzen sozialistischen Phase. Meist war es das größte Volk, das der Paschtunen, das die Macht hatte, auch die Taliban waren paschtunisch dominiert. Durch das Eingreifen der USA wurden die Karten nicht nur politisch, sondern auch ethnisch neu gemischt: Jetzt hat die Nordallianz die Vormacht, dominiert wird die Regierung von den Tadschiken. Der ethnische Konflikt setzt sich so im neuen Afghanistan fort - und fordert den Widerstand der Paschtunen gegen die Zentrale heraus. Dies dürfte der schwerste Fehler sein, der beim Aufbau gemacht wird.

Und die Taliban selbst? Ihre Herrschaft ist rascher zusammengebrochen als erwartet. Ungezählte wurden bei den US-Bombardements getötet, Tausende sitzen in den Gefängnissen der Nordallianz. Die Mehrheit der rund 40000 Talibankämpfer aber ist untergetaucht. Verschwunden, so wie ihr Führer, der einäugige Mullah Mohammed Omar, der von den Amerikanern gejagt wird. Die einfachen Kämpfer sind zurückgekehrt in ihre Dörfer, haben sich die Bärte geschnitten und den schwarzen Turban abgelegt. Manche sind über die Grenze nach Pakistan geflohen und warten ab.

Das amerikanische Institut Stratfor warnt, die Taliban und al Qaida seien dabei, sich zu reorganisieren. Keiner wisse, ob Osama bin Laden noch lebt und wo er gegebenenfalls steckt. Die in London ansässige Zeitung Al-Quds al-Arabi berichtete, dass bin Laden sein Terrornetzwerk fest im Griff habe. Neue Angriffe seien geplant auf US-Truppen in Afghanistan. Unter Berufung auf russische und indische Geheimdienste behauptet Stratfor, dass die USA schon mehr als 300 Soldaten verloren hätten - und nicht weniger als 100, wie das Pentagon behaupte.

Noch einen Hinweis geben die US-Experten: Nach dem Einmarsch der Sowjets 1979 sei der Widerstand schwach gewesen. Es habe ein Jahr gedauert, bis sich die Untergrundkrieger organisiert hätten für den Kampf gegen die Rote Armee. Dann aber sei dieser so effektiv gewesen, dass die Russen nach zehn Jahren abziehen mussten. Dieses Szenario drohe nun den US-Truppen. Der Vergleich indes hinkt: Die anti-sowjetischen Gotteskrieger wurden von den USA und arabischen Staaten mit Milliarden Dollars und Waffen unterstützt.

Gleichwohl bleibt der Trümmerstaat Afghanistan auf Jahre gefährdet und wird noch lange internationale Unterstützung brauchen. Ohne sie ist der Rückfall in Verhältnisse wie vor dem 11. September praktisch garantiert.

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