Die Süddeutsche Zeitung berichtet seit Wochen über die Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen. Annette Ramelsberger beschreibt, wie die SZ vorgeht, wenn sich Missbrauchsopfer melden.
Seit Wochen berichten deutsche und internationale Medien über Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen. Nun hat der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller nach einem Bericht des Bayerischen Rundfunks die Medien scharf angegriffen. Demnach habe Müller in seiner Predigt die aktuelle Berichterstattung mit der kirchenfeindlichen Haltung des NS-Regimes verglichen. Der Bischof habe die Katholiken aufgerufen, der Kirche treu zu bleiben, "so wie auch damals die Katholiken und Katholikinnen treu gewesen sind, der Kirche Jesu Christi".
Dunkle Wolken über der Münchner Frauenkirche: Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind im Erzbistum München und Freising genauso aufgetreten wie in allen anderen deutschen Diözesen. (© Foto: ddp)
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Die Süddeutsche Zeitung hat ebenfalls zahlreiche Artikel über Missbrauchsfälle veröffentlicht. Annette Ramelsberger, Ressortleiterin des Bayern-Teils, beschrieb in der Ausgabe vom 19. März 2010 in folgendem Text, wie die SZ vorgeht, wenn sich Missbrauchsopfer bei der Redaktion melden.
"Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx hat den Medien eine "wichtige Rolle bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen" bescheinigt. Journalisten müssten dabei mithelfen, sagte Marx am Donnerstag (18.3.2010, d. Red.) im fränkischen Wallfahrtsort Vierzehnheiligen. Zugleich bat er die Berichterstatter, mit Informationen sorgsam umzugehen, damit Menschen nicht leichtfertig in Verruf gerieten, zum Beispiel durch die Veröffentlichung anonymer Anschuldigungen.
Marx' Appell zeigt, auf welch schmalem Grat Journalisten bei ihren Berichten über Missbrauch in Kinderheimen, Internaten und Schulen gehen. Die Zahl der Menschen, die sich an die Süddeutsche Zeitung wenden und davon erzählen, wie sie als Kinder und Jugendliche missbraucht wurden, steigt weiterhin - auch weil viele Opfer mehr Vertrauen zu Journalisten haben als zu Vertretern der Institutionen, in denen sie misshandelt wurden. Seit den ersten Veröffentlichungen über Fälle im Berliner Canisius-Kolleg erreichen die SZ täglich neue Berichte von Betroffenen, die über zum Teil lange zurückliegende Übergriffe berichten, die ihnen selbst aber noch sehr präsent sind.
Gleichzeitig steigt die Zahl der Leser, die beklagen, sie hätten nun genug über das Thema gelesen. In diesen Klagen schwingt der Vorwurf mit, es gehe den Journalisten nicht um Aufklärung, sondern um eine Kampagne gegen die katholische Kirche. So hat sich auch der Sprecher von Papst Benedikt XVI. geäußert, nachdem die SZ vergangene Woche als erstes Medium darüber berichtete, dass in Benedikts Amtszeit als Münchner Erzbischof ein pädophiler Priester in der Gemeindearbeit eingesetzt wurde und später wieder Kinder missbrauchte. Viele dieser Leserklagen erreichen den Bayernteil, in dem besonders viel berichtet wurde. Das liegt daran, dass mit Kloster Ettal und dem Regensburger Domspatzen-Internat zwei Einrichtungen liegen, in denen sich Übergriffe, Demütigung und Brutalität besonders manifestiert haben.
Die SZ geht allen Hinweisen sorgfältig nach. Sie berichtet nicht über einen Verdacht, den jemand in E-Mails oder am Telefon äußert. Die Redakteure sprechen mit den Betroffenen, sie treffen sich oft mit ihnen. Sie erleben dabei häufig zutiefst erschütterte Menschen, die unter Tränen erzählen, was ihnen der Kaplan, der Jugendleiter, der Pfarrer angetan haben. Die Journalisten lesen die Pfarrbriefe jener Gemeinden, wo Täter arbeiteten. Sie recherchieren bei den Bistümern. Wenn die SZ einen solchen Fall veröffentlicht, dann stützt sie sich auf eidesstattliche Versicherungen der Opfer - und hat die mutmaßlichen Täter bereits vorher mit dem Vorwurf konfrontiert.
Die SZ entwickelt keinen Verfolgungseifer, denn: Eine Zeitung ersetzt nicht den Staatsanwalt. Sie darf sich auch nicht zum Mittel der späten Rache der Opfer machen, die so lange zögerten, ihre Erlebnisse zu erzählen, bis sie strafrechtlich verjährt waren. Und die nun am liebsten die Zeitung machen ließen, zu was sie selbst als Kind nicht fähig waren: den Täter an den Pranger stellen. Die Zeitung muss sich zurückhalten. Schließlich gilt auch für Straftäter ein Resozialisierungsgebot: Wer sich jahrelang nichts mehr hat zu Schulden kommen lassen, dem darf man seine Taten nicht immer wieder vorhalten. Die SZ achtet darauf, dass sie die Balance hält zwischen öffentlichem Interesse und Persönlichkeitsrecht.
Zurückhaltung heißt auch, nicht jeden, wenn auch noch so schlimmen Einzelfall, darzustellen. Im Mittelpunkt der Berichterstattung steht das Versagen von Systemen, von Elite-Internaten wie der Odenwaldschule oder Kloster Ettal. Und die Süddeutsche Zeitung konzentriert sich auf Verhaltensmuster, die Missbrauch erst möglich machen: das systematische Verschweigen von Pädophilie und die Wagenburg-Mentalität in der Kirche wie auch die Verharmlosung von Übergriffen bei sogenannten Reformpädagogen. Es geht der Berichterstattung auch darum, weiteres Versagen, weiteren Missbrauch zu verhindern - dadurch, dass die Verantwortlichen nicht mehr wegsehen können."
- Kirche: Missbrauch Der pädophile Pfarrer - ein begnadeter Schauspieler 19.03.2010
- Zölibat und Missbrauch Das Ende des elften Gebots 21.03.2010
- Papst zu Missbrauchsfällen Ein starker schwacher Brief 21.03.2010
- Dokumentation Der Hirtenbrief des Papstes 21.03.2010
- Missbrauch Bischöfe wollen künftig immer die Justiz einschalten 18.03.2010
(SZ vom 19.3.2010/mati/mel)
Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld
"Wenn die SZ einen solchen Fall veröffentlicht, dann stützt sie sich auf eidesstattliche Versicherungen der Opfer - und hat die mutmaßlichen Täter bereits vorher mit dem Vorwurf konfrontiert."
Erstens, sind, wie im Fall Mixa schon oft betont wurde, die entsprechenden eidesstattlichen Versicherungen wertlos. Zweitens wurde der Beschuldigte in diesem Fall nicht (zumindest nicht adäquat - und das heißt vollständig) mit den Vorwürfen konfrontiert: die eidestattlichen Versicherungen wurden zurückgehalten.
Also: Gut gelogen, Frau Rammelsberger! Treten Sie jetzt auch zurück?
Mein Kommentar wurde veröffentlich, bricht aber jetzt mitten im Satz ab. Ich wußte von keiner Textbeschränkung; gibt es die?
Ich war gerade dabei, Medienkritik zu üben; ich hoffe, das ist auch gestattet.
Es handelt sich natürlich bei den Medien heute nicht um die gelenkte Presse eines verbrecherischen Regimes. Es handelt sich um die Medienwelt des beginnenden 21. Jahrhunderts. Die Folgen des Tuns müssen von den Medien mit bedacht werden, wenn sie verantwortungsvoll handeln wollen. Und ich frage mich, ob dies beim Thema Domspatzen geschehen ist.
Hier wurden in den letzten Wochen im Umkreis der Schule Schüler abgepaßt, ohne Wissen von Eltern und Betreuern einfach interviewt. Andere Reporter standen plätzlich mitten im Gebäude. Die Türen mußten daraufhin verschlossen werden, was vorher nie der Fall gewesen war. Die Mär von den dicken Internatsmauern stimmte nie; jetzt sind aber verschlossen Türen, durch Medienansturm verursacht, Realität.
Wie liest sich wohl künftig in einem Lebenslauf die Angabe der Schulzeit bei den Domspatzen? Haben das die vielen "Enthüller" mitbedacht?
Die Person Georg Ratzinger ist sicher ein besonderer Grund, gerade beim Thema Domspatzen begierig nach jedem Info- und Gerücktehappen zu schnappen. Ist das verantwortungsvoller Journalismus?
Zum Thema Domspatzen habe ich einen persönlichen Bezug. Ich war 10 Jahre dort. Ein Jahr in Etterzhausen und 9 Jahre in Regensburg. Ich habe dort Abitur gemacht, dann studiert, später Familie gegründet und führe heute ein zufriedenstellendes, für die Presse aber wahrscheinlich zu unspektakuläres Leben.
Zur Zeit habe ich wegen der Osterferien der Kinder Urlaub. Das ist bei der SZ überhaupt die einzige Möglichkeit, wegen der tageszeitlichen Beschränkungen aktiv an einem Leserforum teilzunehmen, da die Teilnahmezeit sonst in meine Arbeitszeit fällt. Ich gehe davon aus, daß die meisten der regelmäßigen Forumteilnehmer dieser Einschränkung nicht unterliegen. Damit wären bestimmte Personen über-, andere unterrepräsentiert.
Ich kann vieles bestätigen, was die körperlichen Züchtigungen betrifft, besonders in Etterzhausen. Mehr zu schaffen machte mir aber eine allgemeine Trostlosigkeit. Heute unvorstellbar: Eine Person war ganztags für ca. 100 Kinder (mit Ausnahme der Schulstunden) zuständig und verantwortlich. Da wären selbst bessere Betreuer als der dortige Präfekt komplett überfordert gewesen.
Regensburg war demgegenüber sofort eine andere Welt; es war für mich wie befreiend, dort angekommen zu sein. Auch dort war nicht das Paradies und es ist aus heutiger Sicht viel zu kritisieren.
Hunderte von uns haben diese Schule durchlaufen und berichteten früher oder später von dem, was sie erlebt haben. Das alles wird in diesem Ausmaß in zeitlich gedrängter Sicht erstmals jetzt in dieser Schärfe dargestellt. Es gab in den 70ern, den 80ern und auch später keine öffentliche Empörung wie wir sie heute sehen.
Die unangenehme Wahrheit für die ganze Gesellschaft ist: Was dort an körperlicher Züchtigung geschah, und da schließe ich Etterzhausen mit ein, war damals gesellschaftlich akzeptiert. Ich nehme die sexuellen Übergriffe hier aus.
Das jetzt allseits gezeichnete schreckenerregende Bild des Internats, des Chores und der Schule ist aber einfach falsch. Wenn ich sehe, was jetzt überall zu lesen ist, und wer alles glaubt, hier etwas kommentieren zu müssen, dann müßte ich zu dem Schluß kommen, daß die Geschichte meiner Schülerzeit neu geschrieben werden muß. Das ist aber nicht wahr. Sollte ich mich wirklich von anderen belehren lassen müssen, was ich selbst gesehen und erlebt habe?
In diesem Zusammenhang muß ich einfach auch Kritik an den Medien über. Es ist nicht wie in der Nazi-Zeit die gelenkte Presse eines verbrecherischen Regimes. Solche Gleichsetzungen (da
selbstloser karitativer Dienst durch die Kirche? Es tut mir Leid, das ist wirklich lustig. Wenn jemand selbstlos ist, sind es die individuellen Spender. Die Kirche selbst trägt ca. 2% bei - nicht mehr. Die meisten heutigen Freiheitsrechte mußten im übrigen gegen den Willen der Kirche durchgesetzt werden.
Die Berichterstattung über aktuelle Enthüllungen belegt eindeutig, dass sexueller Missbrauch und Misshandlung von Schutzbefohlenen in staatlichen, privaten und kirchlichen - und hier auch in evangelischen Einrichtungen - stattgefunden haben. Das verringert die Schuld der Täter und der Verantwortlichen innerhalb der katholischen Kirche nicht, versetzt sie aber in einen anderen Kontext:
Die Berichterstattung der Medien belegt auch, dass religiöse wie areligiöse Menschen zu solchen Taten fähig sind. Sie beweisen, dass die Kontroll- und Aufsichtsmechanismen der staatlichen Schul- und Heimaufsicht versagt haben. Sie zeigen auf, dass überall vertuscht wurde, nicht nur in den katholischen Häusern.
Eine Fokussierung nur auf die Ereignisse im Verantwortungsbereich der Katholischen Kiche ist polemisch, einseitig und boshaft und wäre dem guten Ruf einer SZ ganz sicher abträglich.
Beobachtet man die Berichterstattung in der deutschen Medienlandschaft, so wird man auf einen neuen Mainstream aufmerksam: Der deutsche Antikatholizismus hat wieder Hochkonjunktur. Es scheint in Deutschland keine gesellschaftlichen Kräfte zu geben, die zu einer Versachlichung dieses neuen Kulturkampfes gegen "Rom" beitragen, auch nicht die der Ökumene.
Hier wird eine traditionsreiche Institution beschädigt, in deren Reihen von Anbeginn bis heute unbestritten und überwiegend selbstloser caritativer Dienst am Menschen geleistet wird. Dass es in ihrer nahezu 2000-jährigen Geschichte auch Versagen gegeben hat, ist höchst bedauerlich aber auch menschlich.
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