In der Flüchtlingskrise Warum Österreich über Waffenkäufe diskutiert

  • In Österreich steigt die Zahl der verkauften Waffen in letzter Zeit offenbar deutlich an.
  • Die Lobbyisten von der "Interessengemeinschaft liberales Waffenrecht in Österreich" sehen das als Reaktion auf die Flüchtlingskrise. Sie nennen die Zuwanderer "Invasoren".
  • Die Händler bestätigen den Trend - aber nur vorsichtig.
Von Cathrin Kahlweit, Wien

Keine "netten, lieben, verhungerten Leute"

Der Waffennarr Georg Zakrajsek weiß, warum in Österreich gerade jetzt so viele Menschen Waffen kaufen. Das liege natürlich an der "Grenzsituation", sagt er, weil so viele Flüchtlinge kämen. Das Wort Flüchtlinge möchte der Pressesprecher der "Interessengemeinschaft liberales Waffenrecht in Österreich", der krude Ansichten vertritt, allerdings gern in Anführungszeichen gesetzt sehen. Denn es seien ja doch keine Zuwanderer, die da einreisten, sondern "Invasoren". Keine "netten, lieben, verhungerten Leute", sondern junge Männer, die die Polizei herausforderten. Verständlich, findet Zakrajsek, dass sich angesichts dieser Lage die Bevölkerung fürchte, zumal die Polizei ja an den Grenzen gebunden sei und daher die Kriminalitätsbekämpfung in den Hintergrund gerückt sei. "Wenn Sie einen Polizisten zur Hilfe rufen, heißt es, ich habe keine Zeit, bin an der Grenze."

Der Waffenhandel berichtet seit Tagen von steigenden Verkaufszahlen in Österreich, und Zakrajseks Interessengemeinschaft bestätigt diese Meldungen. Wobei: So ganz klar belegbar ist der Trend nicht, denn es sollen vor allem Waffen der Kategorie C und D sein, die derzeit über die Ladentisch gehen wie warme Semmeln, also Jagdwaffen und Schrotflinten. Deren Kauf wird zwar in einem zentralen Register eingetragen, aber für sie braucht man keinen Waffenschein.

Wer nach dem Zufallsprinzip bei Händlern anruft, bekommt eine vorsichtige Bestätigung des Trends zu hören, allerdings sind viele Händler zögerlich; sie fürchten offenbar eine Gegenbewegung nach dem Motto: die schießwütigen Österreicher sind auf Flüchtlingsjagd. So sagt der Mitarbeiter eines Geschäfts für Jagdwaffen in Wiener Neustadt, der Verkauf von Pfefferspray und Sicherheitsutensilien gehe eindeutig hoch, bei den Schusswaffen will er nicht ins Detail gehen. Ein Unternehmer in St. Pölten bestätigt eindeutige Umsatzsteigerungen, mag aber auch keine Zahlen nennen. Geschäftsgeheimnis.

Der Boulevard bringt spektakuläre Schlagzeilen

Schlagzeilen macht die Entwicklung dessen ungeachtet. "Österreicher decken sich mit Waffen ein", hatte eine Boulevardzeitung am Montag gemeldet und berichtet, dass "praktisch alle Waffen ausverkauft" seien - vor allem Schrotflinten. Seit September stiegen die Umsätze der Händler insgesamt im ganzen Land, 2015 seien etwa 70 000 Waffen mehr als im Vorjahr verkauft worden.

Am Mittwoch zog dann die Tageszeitung Kurier unter dem Titel "Waffen zur Selbstverteidigung boomen" nach: Der Sprecher der Waffengeschäfte wird mit Verweis auf die Ängste besorgter Bürger mit dem Satz zitiert, die Kundennachfrage steige merklich. Allein in Wien sei, so das Blatt, die Zahl der Anträge auf den Besitz einer Pistole von zehn im August auf 192 im Oktober gestiegen. Und der ist noch nicht einmal vorbei.

Das Waffenregister wird im Innenministerium geführt, für 2014 waren etwa 900 000 Schusswaffen und etwa 250 000 Waffenbesitzer gemeldet. Der tagesaktuelle Trend ist noch nicht erfasst. Aber Georg Zakrajsek vom Interessenverband für ein liberales Waffengesetz findet es schon mal gut, dass die Tendenz nach oben geht. Wenn man in Zeiten wie diesen allein auf die Exekutive setze, sei man verloren. "Die Zahl der Straftaten wird durch die jedenfalls nicht gerade reduziert."

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