Imkerei Ein Parlament, zwei Völker

Der Bundestag bekommt eine Bienenzucht, das soll ein Zeichen setzen gegen das Insektensterben. Doch nicht allen gefällt das: Eine reine Prestigeaktion, meint der Imkerbund.

Von Martin Zips

Die moderne Bienenzucht, so fasst es Bienenfachmann Benedikt Polaczek zusammen, kenne drei Probleme: "Das Internet, die Demokratie und die Globalisierung." Bestärkt durch irgendwelche Netz-Foren fühle sich jeder Depp schnell als Imker - was ein gefährlicher Trugschluss sei. In der Demokratie glaube jeder, ein Recht auf ein eigenes Bienenvolk zu haben. Auch das sei fatal. Die Globalisierung schließlich bringe dem Insektenfreund auch noch die Seuchen der Welt in den Bienenstock. Das sei übel. Die Bienenzucht - ein Mikrokosmos.

Im Auftrag der Grünen-Bundestagsabgeordneten und Imker-Tochter Bärbel Höhn sowie ihres SPD-Kollegen Martin Burkert kümmert sich Benedikt Polaczek dieser Tage um die Ansiedlung von 50 000 Bienen im Innenhof eines Berliner Parlamentsgebäudes. Warum nicht? Bienen sind, das wusste schon Aristoteles, ebenso wie der Mensch "staatenbildende Tiere". Ein Probebetrieb mit 2000 Insekten sei am Paul-Löbe-Haus bereits "sehr zufriedenstellend" verlaufen, berichtet Polaczek, Doktor an der Freien Universität Berlin. Es sei kein einziger Abgeordneter gestochen worden. Nun ist Polaczek dabei, sich auch das neue Volk vom Veterinäramt genehmigen zu lassen. Kommt die Faulbrutkrankheit nicht dazwischen, so könnten seine 50 000 Bienen bereits im April ihre parlamentarische Arbeit aufnehmen.

"Das ist doch nichts anderes als ein weiteres sinnloses Prestige-Projekt", sagt Petra Friedrich vom Deutschen Imkerbund. Gut gemeinte Initiativen wie "Deutschland summt!", kritisiert sie, hätten in Berlin mittlerweile zur absurden Dichte von sechs Bienenvölkern pro Quadratkilometer geführt. Das sei zu viel. Auch in anderen Städten unterhalten Privatleute, Behörden, Firmen, Banken, Clubs und sogar Gefängnisse eigene, oft gar nicht genehmigte Völker. All das trage zur Ausbreitung von Bienenkrankheiten bei und schüre Angst in der Nachbarschaft. Während in den Städten die Bienenboxen also überhandnähmen, fehlten die Pollensammler auf dem Land - Dünger, Pestiziden und Monokulturen sind schuld. "Daran, dass wir 1950 noch dreimal so viele Bienen hatten wie heute, ändern doch auch die paar Insekten im Innenhof des Paul-Löbe-Hauses nichts."

In Bärbel Höhns Büro ist man dennoch zufrieden. Es gehe darum, ein Zeichen zu setzen, heißt es. Um die Eigenarten der Apis mellifera carnica kennenzulernen, werde ein Mitarbeiter sogar einen Imkerkurs besuchen - auch die Herstellung eines Bundestagshonigs sei geplant. Nach anfänglicher Vorsicht unterstützt jetzt auch Bundestagspräsident Norbert Lammert das Projekt.

Polaczek betont, die Aktion dürfe nicht - Internet! Demokratie! Globalisierung! - missverstanden werden. Sie solle kein Anreiz für all jene Unkundigen sein, die beispielsweise wieder Bienenarten in Berlin haben möchten, welche dort glücklicherweise seit Jahren verschwunden sind. "Bienen, die kaum Honig bringen und deren Stiche gefährlich sind. Die sollen lieber in den Masuren bleiben." Polaczek fordert: "Zucht bitte nur in Absprache mit den Verbänden." Denn wie formulierte es einst Marc Aurel? "Was dem Schwarm nicht nützt, nützt auch der einzelnen Biene nicht."