Von Andreas Bänziger

(SZ vom 15.11.2001) - In Afghanistan sind diejenigen Führer am besten gelitten, die am schwächsten sind. Sie können den zahllosen Lokalmatadoren nicht befehlen, was sie zu tun und zu lassen haben, sie können keine zentrale Ordnung durchsetzen.

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Ein solcher Führer ist Burhanuddin Rabbani, der offiziell immer noch als Afghanistans Präsident firmiert und nun seine Rückkehr nach Kabul angekündigt hat. Ein anderer solcher Führer wäre Zahir Schah, der greise, 1973 gestürzte König. Ihre Schwäche zumindest ist den beiden Männern gemeinsam.

Rabbani, 61 Jahre alt, versiert in klassischem Persisch, ist ein frommer Mann, ein Theologe, ein islamischer Gelehrter und keineswegs ein Armeeführer oder auch nur ein gewiefter Politiker. Er hat an der Al-Azhar-Universität in Kairo studiert, vor seiner Politkarriere lehrte er an der Universität Kabul islamische Philosophie.

Man hat Rabbani als "gemäßigten Fundamentalisten" bezeichnet, wenn es das gibt. Theologisch ist er fast so rigoros wie die Taliban. Auch in seinem bisherigen Hauptquartier in Faizabad im afghanischen Nordosten gehen die Frauen verschleiert; das Leben ist fast so freudlos wie in Kabul. Allerdings dürfen die Frauen arbeiten und die Mädchen dürfen in die Schule.

Rabbani gründete seine Partei Jamiat-i-Islami in den siebziger Jahren einerseits gegen den westlichen Einfluss in der afghanischen Gesellschaft, anderseits gegen die Machtübernahme der Kommunisten nach dem Sturz des Königs.

Rabbani stand stets im Schatten seines Heerführers Achmed Schah Massud, der kurz vor dem 11. September zwei Selbstmordattentätern, vermutlich entsandt von Osama bin Laden, zum Opfer fiel.

Man darf bezweifeln, dass er seine Militärs kontrolliert, die in den letzten Tagen große Teile Afghanistans inklusive der Hauptstadt Kabul im Sturm genommen haben. Mehr als eine zeremonielle Rolle ist ihm nie zugekommen.

Rabbanis größtes Handicap ist aber, dass er der tadschikischen Minderheit im Land angehört. Das wichtigste Volk in Afghanistan sind aber die Paschtunen, aus denen sich die Taliban rekrutieren und die nicht nur 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sondern auch im benachbarten Pakistan eine gewichtige Rolle spielen.

Die Paschtunen haben Afghanistan immer regiert, und sie wollen das auch in Zukunft tun. Rabbani war denn auch ursprünglich, 1992 nach dem Sturz des von den Sowjets eingesetzten Präsidenten Nadschibullah, nur als Kompromisskandidat und Übergangspräsident der Mudschaheddin für vier Monate ernannt worden. Danach hat er sich sein Mandat bis heute selber erneuert.

Als Theologe genießt Rabbani Respekt. Als Militärführer ist er unwichtig; dieses Geschäft besorgen nach dem Tod von Massud General Fahim und seine Offiziere.

Und als Politiker ist Afghanistans von der UN anerkannter Präsident für die Mehrheit der Afghanen irrelevant. Er personifiziert, und auch das hat er mit Ex-König Zahir Schah gemeinsam, die allgemeine Hilflosigkeit bei der Suche nach einer politischen Führung, die den rasanten militärischen Erfolg der tadschikisch dominierten Nordallianz in eine breit abgestützte neue Regierung umsetzen könnte.

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