Unversöhnliche Positionen: In einem Bürgerbegehren haben sich die Einwohner von Hamburg-Altona für eine Ikea-Filiale in ihrem Stadtteil ausgesprochen - trotzdem sollen sie erneut abstimmen
Im jüngsten Film des Hamburger Regisseurs Fatih Akin spielen ein paar Szenen dort, wo die Hansestadt nicht unbedingt am schönsten ist. Die Große Bergstraße im Stadtteil Altona hat ganz sicher schon bessere Zeiten gesehen.
"Nein" zu Ikea sagte in einem Bürgerbegehren nur eine Minderheit in Hamburg Altona - doch es könnte ein zweites geben. (© Foto: dpa)
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Hier steht das Frappant-Gebäude, ein Beton-Komplex, in dem früher einmal ein Kaufhaus allerlei Waren feilbot. Doch das Kaufhaus, in dem Akin seine erste Schallplatte gekauft haben will, ist längst Geschichte. Heute haben sich Künstler des Gebäudes angenommen und ihre Ateliers eingerichtet, ein Club zieht Szenepublikum an.
In Akins Film wird dort eine Party gefeiert. Der in Altona aufgewachsene, preisgekrönte Filmemacher hat den Drehort gewählt, sagte er in einem Interview, weil er bewusst an Plätze seiner Heimatstadt gegangen sei, "die es bald nicht mehr gibt".
Tatsächlich dürfte Altona demnächst in großem Stil umdekoriert werden - dann nämlich, wenn der schwedische Einrichtungsgigant Ikea sein Vorhaben in die Tat umsetzt und dort ein Möbelhaus baut, wo einst das Herz des Altonaer Einzelhandels schlug.
Die Ansiedlung des Selbstbau-Riesen ist dabei längst ein Politikum geworden, das über den Bezirk hinausweist. Denn selbst leidenschaftliche Kämpfer für direkte Demokratie - ausgeübt durch Bürgerentscheide oder Volksbegehren - befürchten, dass sich hier sogar zu viel Demokratie anbahnt. Nachdem nämlich am Donnerstag das Bürgerbegehren der Initiative "Pro Ikea" eine klare Mehrheit für die Ansiedlung ergeben hatte, wollen die Möbelhaus-Gegner nun eine weitere Abstimmung erreichen.
Unversöhnliche Positionen
"Es ist außerordentlich bedauerlich, dass zum Thema 'Ikea in Altona' kein gemeinsamer Bürgerentscheid der beiden Initiativen zustande gekommen ist", sagte Manfred Brandt, Vorstandsmitglied des Vereins "Mehr Demokratie". Bürgerentscheide sollten Frieden stiften. Entwicklungen wie in Altona würden "das Instrument beschädigen".
Im Prinzip müsste der Bürgerentscheid zum Bau der bundesweit ersten Ikea-Filiale in einer Fußgängerzone als beispielhaft für die direkte Bürgerbeteiligung gelten. Etwa 82.000 von 186.000 Wahlberechtigten in Altona nahmen an der Abstimmung teil - das sind mehr als bei der vergangenen Europawahl.
Das Votum fiel zudem eindeutig aus: 77,2 Prozent stimmten für die Ansiedlung. "Solche Ergebnisse gibt es in der Politik nicht alle Tage", sagt Michael Brandt, umso ärgerlicher sei der "dicke Schönheitsfehler" einer drohenden zweiten Abstimmung.
Gegner und Befürworter des Neubaus stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die einen befürchten, durch das Möbelhaus würden die ohnehin um ihr Überleben kämpfenden kleinen Geschäftsleute verdrängt, Mieten für Gewerbe und Wohnen in die Höhe schießen und die Verkehrsbelastung weiter steigen.
Die Befürworter wiederum erwarten das genaue Gegenteil, nämlich eine Belebung des Stadtteils und eine Stärkung des Einzelhandels. Die Ikea-Gegner wähnen sich zudem politisch und wirtschaftlich ausgebremst: Sie hatten ihren Anlauf zum Bürgerentscheid zuerst begonnen, aber die notwendigen 5600 Unterschriften zunächst nicht zusammenbekommen.
Die Pro-Initiative erfuhr schnell den Beistand der großen Parteien und des Einzelhandels, plakatierte großflächig und lieferte die Unterschriftensammlung im vergangenen November ab. "Mit ein bisschen gutem Willen wäre ein gemeinsamer Entscheid möglich gewesen", glaubt Michael Brandt vom Verein "Mehr Demokratie".
Unruhige Zeiten in Hamburg
Nun müssen Juristen die Sache prüfen: Am Montag reichten die Ikea-Gegner ihre Unterschriftensammlung beim Bezirksamt ein; sollten 5600 gültige darunter sein, könnte es einen zweiten Bürgerentscheid zum selben Thema geben - für einen solchen Fall sieht das Gesetz jedoch keine Regeln vor. "Wir betreten juristisches Neuland", sagte Kersten Albers, stellvertretender Leiter des Bezirksamts Altona.
Der Streit der Bürgerinitiativen fällt in unruhige Zeiten in der Hansestadt. Immer mehr Initiativen wehren sich dort gegen Projekte der Bezirke oder des Senats. Bürgerinitiativen vernetzen sich miteinander und tragen so jene Frage in die Mitte der Gesellschaft, die auch an der Fassade des Altonaer Frappant-Gebäudes plakatiert ist: Wem gehört die Stadt?
Fatih Akin hat die Frage neulich in einem Interview indirekt so beantwortet: "Mir gefällt es überhaupt nicht, wie sich die Stadt verändert." Deshalb sei Adam in seinem Film "Soul Kitchen" auch keiner, der weglaufe, "sondern einer, der sich gegen den Wandel sträubt".
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(SZ vom 23.01.2010/gal/bre)
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Hier wurde ganz klar ein Bürgerbegehren mit anderer Fragestellung platziert um eines mit einer vollständig anderen auszuhebeln. Hier wurde nicht nur desinformiert, sondern auch taktisch, strategisch ein Mittel der demokratischen Partizipation missbraucht. Grade die Grüne Partei Hamburg spricht sich explizit genau dagegen aus, unterstützt aber im Bezirk Altona vehement dieses Vorgehen.
Die meisten Befragten wohnen im Groß-Bezirk Altona nicht einmal in räumlicher Nähe zu dem betroffenen Gebiet. Es ist ihnen genauso fremd wie anderen der innerstädtische Raum, in dem ohne jeden Widerstand eine Großpassage nach der anderen gebaut werden kann und wo Gewerbemieten inzwischen schwindelerregende Höhen von bis zu über 1000 Euro/qm erreicht haben; Wo das Problem mit dem maßlosen Verkehr durch teilweise Aussperrung von PKW gelöst wurde, der allerdings aber in ganz großem Gegensatz dazu, aus gutem Grund kaum, und das ist in diesem Fall mehr als wesentlich, mit Wohnbebauung belegt ist.
Zudem wurde von Seiten des Bezirksamts und der politischen Regierungsparteien getäuscht und gelogen. Ikea wird die Straßen, die Grundstückspreise beleben, kein Geld bringen, dafür aber 3 Jahre Großbaustelle, massenhafte Zuwachs an Autoverkehr und den langersehnten Startschuss für den Umbau des ganzen Stadtteils von einem Wohn- in ein hochpreisiges Konsumgebiet vom Nobistor bis zum Diebsteich, in einen Spielplatz für Immobilieninvestoren und -spekulanten. Die derzeitige Krise auf dem Immobilienmarkt und die extrem negativen Auswirkungen der großen Immobilienblasen, Verdrängung ganzer Bevölkerungsschichten an den Stadtrand, Verkommerzialisierung ganzer Stadtteile, für große Gesellschaftsteile unbezahlbare Mieten, Verdichtung, Verödung und Herunterwirtschaftung auf der anderen Seite, scheint vollständig aus dem Bewusstsein der politischer Entscheider geschwunden und ins vollständige Gegenteil verkehrt ...
Der Schönheitsfehler ist nicht die zweite Abstimmung, sondern die Tatsache, dass in den Unterlagen des ersten Bürgerentscheids nur die Pro-Position dargestellt wurde, und das auch noch in Form eines Werbeflyers des Interessensverbandes ECA (Einkaufs-City Altona). So etwas habe ich bis dahin noch bei keinem Bürgerentscheid gesehen und es entspricht auch nicht den gesetzlichen Bestimmungen*. Üblich ist ein Informationsheft, in dem beide Positionen ausführlich in Textform dargestellt werden. Die Unterlagen waren also einseitig, dementsprechend einseitig ist auch das Ergebnis ausgefallen.
Hier den Schluss zu ziehen, dass es sich um einen Fall von zu viel Demokratie handelt, ist zu kurz gedacht: das Pro-Bürgerbegehren wurde auf den Weg gebracht, nachdem das Kontra-Ikea-Begehren angemeldet wurde und das Bauvorhaben Ikea in Gefahr zu geraten drohte. Der Interessensverband der Einzelhändler (ECA) wurde hier tatkräftig unterstützt von den Regierungsparteien des Bezirks Altona, die allesamt das Bauvorhaben befürworten. Die CDU hat sogar Parteiressourcen zum Unterschriftensammeln zur Verfügung gestellt. Hier haben Regierungsparteien, Interessensverband und Bezirksamt gemeinsam an einem Strang gezogen, und so ist es nicht verwunderlich, dass noch rechtzeitig im Zeitrahmen (bevor Ikea vom Kaufvertrag zurücktritt) ein Abstimmungsergebnis erreicht wurde, das nichts anderes tut, als den Regierungswillen zu bestätigen.
Die Wahlbeteiligung war zwar ungewöhnlich hoch, sie lag bei etwa 44%. Bei 77% Ja-Stimmen bedeutet das, dass ca. ein Drittel der Altonaer Bürger für Ikea gestimmt haben. Ich habe selbst gehört, dass viele den Stimmzettel weggeschmissen haben, nachdem sie den Werbeflyer des ECA in den Abstimmungsunterlagen gesehen haben. So zu behaupten, die Mehrheit der Altonaer Bürger sei für Ikea, ist eine Milchmädchenrechnung.
* Gesetzliche Bestimmungen zum Informationsheft (Quelle: Dienstvorschrift für die Durchführung von Bürgerbegehren und Bürgerentscheiden in den Bezirken der FHH):
8.3.3.1 In dem Informationsheft müssen die für und gegen das Bürgerbegehren sprechenden Argumente enthalten sein.
8.3.3.3 Nicht zweckdienlich und daher unzulässig sind tendenziöse oder bewusst falsche bzw. irreführende Sachverhaltsdarstellungen. Das Bezirksamt trägt dafür Sorge, dass diese nicht in das Informationsheft aufgenommen werden.
Mit dem Hamburger Bezirksverwaltungsgesetz, welches in wenigen Artikeln Bürgerbegehren und entscheide regelt, ist es so eine Sache. Nämlich die, dass es nicht perfekt und eben menschengemacht ist. Kein großer Wurf wie unverändert und für die Ewigkeit gemachten Zehn Gebote; aber die kamen ja auch von ganz oben. . .
Wir merken erst in der Anwendung eines Gesetzes dessen handwerkliche Fehler, eben dann wenn Recht auf Wirklichkeit trifft. Das ist eine übliche Rechtspraxis, die nichts mit einer Fehlregulierung des jeweiligen Rechtsgutes zu tun hat. Mit anderen Worten: Wir sind hier in Hamburg sehr zufrieden mit dem Mehr an direkter Demokratie, sehen aber einen Nachbesserungsbedarf im Feintuning der gesetzlichen Bestimmungen.