Hungerstreik in Gefangenenlager "Guantánamo bringt mich um"

Seit Wochen verweigern Dutzende Häftlinge im umstrittenen US-Gefangenenlager Guantánamo die Nahrungsaufnahme. In einem Bericht für die "New York Times" schildert ein Mann aus dem Jemen nun, mit welcher Brutalität er im Lager zwangsernährt wird.

Es ist ein Dokument der Wut und der Verzweiflung, mit dem sich Samir Naji al Hasan Moqbel an die Weltöffentlichkeit wendet. In einem Telefonat beschrieb er in deutlichen Worten die Zustände im Gefangenenlager Guantánamo Bay auf Kuba - über die Anwälte der Flüchtlingsorganisation Reprieve gelangte der Bericht nun an die New York Times, die ihn am Montag druckte und ins Netz stellte. Der Titel ist ebenso drastisch wie treffend: '"Gitmo is killing me" ("Guantánamo bringt mich um").

Moqbel gehört zu einer Gruppe von mehreren Dutzend Guantánamo-Häftlingen, die seit Februar im Hungerstreik sind, um gegen die Haftbedingungen zu protestieren und auf die Aussichtlosigkeit ihrer Lage hinzuweisen.

Der 35-jährige Jemenit ist auch einer von elf Männern, die mittlerweile so schwach sind, dass sie zwangsernährt werden müssen. Dabei gehen die Wächter und das medizinische Personal laut Moqbel äußerst rabiat vor: Er sei ans Bett gefesselt worden und man habe ihm die Nahrung intravenös verabreicht. 26 Stunden lang habe er in dieser Position verharren müssen, ohne die Toilette besuchen oder beten zu dürfen.

Last month, on March 15, I was sick in the prison hospital and refused to be fed. A team from the E.R.F. (Extreme Reaction Force), a squad of eight military police officers in riot gear, burst in. They tied my hands and feet to the bed. They forcibly inserted an IV [Infusion, d. Red.] into my hand. I spent 26 hours in this state, tied to the bed. During this time I was not permitted to go to the toilet. They inserted a catheter, which was painful, degrading and unnecessary. I was not even permitted to pray.

Die Lage vor Ort ist äußerst angespannt, wie am Wochenende deutlich wurde. Das Wachpersonal setzte Gummigeschosse ein, um zahlreiche Häftlinge in Einzelzellen verlegen zu können.

Gewicht bei 38,5 Kilogramm

Der Schritt war mit der Sicherheit der Häftlinge begründet worden: Diese hätten die Überwachungskameras und Fenster der Gemeinschaftsunterkunft verhüllt, wodurch das Risiko für dere Gesundheit und Sicherheit im Camp 6 "unannehmbar hoch" geworden sei, erklärte ein Militärsprecher. Während Menschenrechtsanwälte angeben, dass sich die Mehrheit der 130 Häftlinge von Camp 6 inzwischen im Hungerstreik befinde, spricht das Pentagon von 43.

In seinem Brief berichtet Moqbel, dass einer der Hungerstreikenden nur noch 38,5 Kilo wiege, ein anderer nur 49 Kilo. Er selbst habe Blut erbrochen und um ihn herum nehme die Verzweiflung zu. Er sei kein Terrorist, von dem Gefahr ausgehe: Er sei 2000 nach Afghanistan gereist, weil ihm ein Bekannter erzählt habe, dass es dort Arbeit gebe. Später habe ihm das Geld für die Rückreise gefehlt.

Nach dem Einmarsch der Amerikaner sei er nach Pakistan geflohen, wo er verhaftet wurde. Mit dem ersten Flugzeug sei er nach Guantánamo gebracht worden - in jenes Lager, das US-Präsident Barack Obama eigentlich innerhalb eines Jahres während seiner ersten Amtszeit hatte schließen wollen. Es kam bekanntlich anders.

Bereit, den eigenen Tod zu riskieren

Schuld an der Tatsache, dass er nach elf Jahren noch immer in Haft sitze, seien Obama und Jemens Regierung, die sich nicht auf die Rahmenbedingungen verständigen könnten, unter denen die Jemeniten in ihre Heimat verlegt werden könnten. Er werde alle Auflagen akzeptieren, meint Moqbel, wenn er seine Familie wiedersehen dürfe - und eine eigene gründen könne.

Die einzige Hoffnung der Häftlinge liege nun darin, durch den Hungerstreik die Welt auf ihre Lage aufmerksam zu machen und so die Mächtigen in Washington und Sanaa zum Handeln zu zwingen. Sie seien so verzweifelt, dass sie sie auch bereit seien, den eigenen Tod zu riskieren.