Hubertus Knabe und die Linke "Verachtung und Mitleid" für die SPD

Für solche Thesen erntet Knabe an diesem Abend überzeugtes Kopfnicken der Anwesenden und viel Applaus. Allerdings: Das Publikum ist handverlesen. Zwischenrufer und empörte DDR-Nostalgiker sollen keine Chance haben, die Buchvorstellung zu stören.

Nur einer fragt mal leise an, was denn mit den früheren Blockparteien sei, die sich CDU und FDP einverleibt hätten. Auch dort soll es ja schwarze Schafe gegeben haben.

Knabe zeigt Verständnis. Weniger für den Frager, als für die Blockparteien. Wenn er Vertretern der CDU die Folterzellen im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen zeige, erzählt Knabe, dann sage er ihnen: "Hier in diesen Kellerzellen ist euren Leuten das Genick gebrochen worden."

Seitenhieb auf Tillich

Der Verweis von Funktionären der Linken auf eine Mitverantwortung der Blockparteien sei, sagt Knabe, "ein ziemlich billiger Trick um sich aus der Affäre zu ziehen".

Immerhin eines gibt er den Bürgerlichen mit auf den Weg: Er frage sich, warum jemand wie der CDU-Politiker Stanislaw Tillich sächsischer Ministerpräsident werden musste, der schon zu DDR-Zeiten Kaderpolitiker war. "Haben wir keine anderen Leute?", fragt Knabe.

In manchen Rezensionen wird Knabe offen mangelnde wissenschaftliche Objektivität unterstellt. Sein Arbeitsort, die unmittelbare Nähe zum ehemaligen Folterknast der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen wirke wohl zu prägend.

Er selbst nennt das trotzig "Standortvorteil" gegenüber denen, die wohl noch "Nachhilfe nötig" hätten, wenn sie jetzt behaupteten, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen.

Diese mangelnde wissenschaftliche Distanz wird vor allem dort deutlich, wo er versucht, die Mitverantwortung der SPD am Aufstieg der PDS/Linkspartei herauszustellen. Auch hier: Die Fakten sind bekannt. Schon in den neunziger Jahren hat die SPD im Osten mit der damaligen PDS kooperiert und koaliert.

Den Boden der Wissenschaft verlassen

Die Linke sei so hoffähig gemacht geworden. Da mag was dran sein. Wenn er aber deshalb, wie er sagt, zwischen "Verachtung und Mitleid" für die SPD schwanke, verlässt er den Boden der Wissenschaft. Das im Osten viele CDU-Ortsverbände ganz gut mit der Linken zusammenarbeiten, lässt er unerwähnt.

Den Linken-Partei- und Fraktionschef Oskar Lafontaine bezeichnet Knabe als "Kumpanen" des einstigen DDR-Staatschefs Erich Honecker, weil der damalige saarländische Ministerpräsident gute Beziehungen zur DDR pflegte. Was die Anwesenden mit lauten "Ooooh"-Rufen quittieren.

Und wieder lässt Knabe unerwähnt, dass etwa Franz Josef Strauß, damals CSU-Ministerpräsident in Bayern, nicht weniger gute Kontakte in den Osten hatte.

Natürlich bringt er auch sein Paradebeispiel vom ehemaligen hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter, der heute Mitglied der Linksfraktion im Bundestag sei. Es handelt sich dabei um den Linken-Abgeordneten Lutz Heilmann. Knabe wird wissen, dass der Mann lediglich Personenschützer bei der Stasi war. Aber Knabe differenziert eben nicht zwischen Spitzel, Wachmann und Chauffeur.

Am meisten freuen dürften sich die über das Buch, die im Wahlkampf noch nach Munition gegen die Linke suchen, also vor allem die bürgerlichen Parteien. Knabe liefert dazu in seinem Nachschlagewerk jedes nur erdenkliche Argument gegen die Linke und dazu noch jede Menge Argumentationshilfen gegen die SPD.

Das Problem ist nicht, dass Knabe immer wieder an das Unrechtssystem DDR erinnert. Auch nicht, dass er die Fakten über das skandalöse Finanzgebaren der PDS als Rechtsnachfolgerin der SED zusammenträgt. Das Problem ist, dass er den Parteigängern der Linken auch 20 Jahre nach der Wende noch pauschal abspricht, sich möglicherweise demokratisiert zu haben.

Die Linke ist sicher keine Partei mit durchgängig lupenreinen Demokraten. Aber sie ist auch nicht mehr die Partei von 1991. Würde Knabe das zur Kenntnis nehmen, er erschiene wesentlich glaubwürdiger.