Ein Kommentar von Heribert Prantl

Anders als viele Kollegen hat Horst Seehofer die Politisierung seines Privatlebens nicht mitgemacht - und doch muss er unter diesem zweifelhaften Trend leiden.

Neue Zeiten, alte Zeiten. Bundeskanzler Konrad Adenauer tat einstmals Gerüchte über homosexuelle Neigungen seines Außenministers Heinrich von Brentano mit dem gelassenen Satz ab: "Was wollen Sie denn, meine Damen und Herren, bei mir hat er es noch nicht versucht."

Bild vergrößern

Franz Josef Strauß (li.) mit seinem Generalsekretär Edmund Stoiber 1979 (© Foto: dpa)

Anzeige

Solche Gelassenheit wünschte man der CSU nach den Meldungen über das Privatleben von Horst Seehofer. Hätten diese Indiskretionen nämlich wirklich, wie der bayerische Innenminister Günther Beckstein dies erklärt hat, "nullkommanull" Einfluss darauf, wer in Bayern der nächste Ministerpräsident und CSU-Chef wird, dann wäre dies die wirksamste General- und Spezialprävention gegen künftige Schmutzkampagnen. Allein, es fehlt der Glaube.

Minister Seehofer hat, so wurde es am Montag in der Bild-Zeitung auf dem Höhepunkt der CSU-Krise vermeldet, eine Geliebte; am Dienstag folgte dann das Gerücht über deren Schwangerschaft. Die Publikation stand nicht im Zusammenhang mit Äußerungen Seehofers zur Familienpolitik, sie kontrastierte nicht irgendwelche politischen Äußerungen des Ministers.

Aber sie setzte Seehofer matt. Schon der Zeitpunkt der Veröffentlichung entlarvte den Zweck: Die Skandalisierung des Privaten war ein als Aufklärung getarntes Mittel, um den Machtkampf in der CSU zu beeinflussen. So war das schon vor 14 Jahren, als Theo Waigel im Führungsstreit mit Stoiber auf diese Weise wirksam diskreditiert und als Ministerpräsident ausgeschaltet wurde. Die Indiskretionen über Seehofer sind die schmutzige Schaumkrone auf der tobenden christsozialen See.

Es gibt Leute, die trauen Stoiber in Erinnerung an damals alles Schlechte zu. Seine Staatskanzlei müsste aber schon unendlich dumm sein, wenn sie die Seehofer-Geschichte lanciert hätte; selbst ihre untalentiertesten Strategen wissen, dass der erste Verdacht auf einen Rückfalltäter fällt.

Ob nun die genannte Zeitung Seehofers Privatheit ganz aus eigenem Antrieb veröffentlicht oder ob sie sich dazu gern von wem auch immer hat anstiften lassen - es ist jedenfalls so: Wenn Seehofer fällt, dann fällt der einzige charismatische Politiker des Sozialflügels der Union. Man darf fragen, wem das nutzt.

Das Blatt selbst hat sich in der Überschrift des ersten Artikels zutreffend charakterisiert: Da steht das Wort "schmutzig". Dieser Selbstbeurteilung kann man nicht widersprechen, denn auf diesem Terrain kennt das Blatt sich aus. Die Klärung seiner privaten Verhältnisse ist die Sache von Seehofer und seiner Familie, nicht die einer Zeitung.

Da aber die Sache nun einmal in der Welt ist, liegt es an ihm, sie wieder ins Private zurückzuholen, indem er selbst in die Offensive geht - so wie dies einst Gerhard Schröder oder jüngst der niedersächsische Ministerpräsident Wulff gemacht hat.

Der so offensiv daherkommende, mittlerweile geflügelte Satz von Klaus Wowereit ("Ich bin schwul, und das ist gut so") entsprang einer defensiven Situation: Es hatte sich damals herumgesprochen, dass die Boulevardpresse ihn bei seiner Nominierung zum SPD-Spitzenkandidaten outen wollte. Auch Ole von Beust ging erst aus sich heraus, weil er angegriffen wurde, als sein damaliger Koalitionspartner Schill Beusts sexuelle Orientierung zum Gegenstand einer Schmutzkampagne machen wollte.

Das Sprichwort sagt: Wer sich in Gefahr begibt, der kommt drin um. Nicht jeder Politiker ist von der Sorte Franz Josef Strauß, dem die Prostituierten-Affäre in New York nicht geschadet hat; er konnte auch Nutzen aus seinen Skandalen ziehen.

Aber: Ist ansonsten die Öffentlichkeit, in die sich jeder Spitzenpolitiker begibt, eine Gefahr, in der der Schutz seiner Privat- und Intimsphäre zwangsläufig umkommt? Muss sich einer, der im Licht der Öffentlichkeit steht, von der Medienöffentlichkeit alles gefallen lassen? Dass Gerüchte, ob wahr, halbwahr oder ganz falsch, über ihn verbreitet werden?

Ist der komplette Verlust der Privat- und Intimsphäre der Preis der Politik? Gehört zum Preis, den Spitzenpolitiker zahlen müssen, dass andere mit Geschwätz über ihn Geschäft und Kampagne machen? Natürlich gilt Artikel 1 Grundgesetz auch für einen Politiker; auch seine Würde ist unantastbar. Aber was bringt so ein Satz in der politischen und juristischen Praxis, wenn der Politiker in seinem Versuch, sich zu wehren, das Gerücht oder die Indiskretion nur noch weiter verbreitet und ausbreitet?

Auch über Adenauers Privatleben wurde einst geschrieben: Damals waren es aber nur die Rosen, die der alte Herr züchtete; die hat er gern hergezeigt. Heute zeigen Politiker gern ihr Privatleben - solange sie glauben, dass ihnen das nutzt. Nach amerikanischem Vorbild werben sie damit für ihre Politik.

Das macht sie nicht rechtlich schutzlos, aber auf perfide Weise angreifbar, weil Schlüssellochgucker so tun können, als sei ihr Voyeurismus Bestandteil notwendiger Politikbeobachtung und daher von der Pressefreiheit gedeckt. Das ist natürlich Unsinn, aber er kommt nicht von ungefähr.

Auch der Politiker, der selbst bei der Politisierung des Privatlebens nicht mitgemacht hat, muss darunter leiden. Die Lehre lautet: Politiker sollten sich bei der Demonstration von Privatheit zu politischen Zwecken wieder mehr zurückhalten.

Leser empfehlen 

(SZ vom 17.1.2007)