Ein Kommentar von Heribert Prantl

Parteiübergreifend wird Bundespräsident Köhler derzeit gelobt, hofiert und zu einer zweiten Amtszeit ermuntert. Doch der eigentliche Grund für seine Wiederwahl wird nicht der Verdienst seiner Arbeit sein.

Es sind dies die Tage der Genugtuung für Horst Köhler: Alle hoffen und warten auf sein Wort, alle preisen ihn und ermuntern ihn zu einer zweiten Amtszeit. Auch diejenigen, die ihn für einen eher mäßigen Präsidenten halten, loben seine Amtsführung. Alle Parteien, die Linken ausgenommen, singen Loblieder und tun so, als vereinige er alle guten Eigenschaften von Heuss, Heinemann und Weizsäcker in seiner Person.

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"Horst wer?" titelte eine große deutsche Boulevardzeitung vor seiner Wahl im Jahr 2004 - jetzt wird Horst Köhler von Politikern aller Parteien zu einer zweiten Amtszeit ermuntert (© Foto: ddp)

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Ein Präsident ist auch nur ein Mensch: So ist nur allzu verständlich, dass Köhler diese Wochen der Hommage genießt und danach trachtet, sie möglichst lang auszukosten.

Wenn er seine erneute Kandidatur nun am 23. Mai zu verkünden gedenkt, dann ist das eine hübsche Inszenierung. Das ist nämlich der Verfassungstag, also auch eine kleine Demonstration: Der Präsident des Zufalls hat Historizität gewonnen.

Erfunden von Merkel und Westerwelle

Diese Wochen lassen vergessen, wie Köhler Präsident wurde: Die Fäden, an denen die CDU-Vorsitzende und der FDP-Chef ihn ins Amt gezogen hatten, hingen ihm noch einige Zeit nach. Als Köhler von Angela Merkel und Guido Westerwelle erfunden wurde, galt er als Vorbote der schwarz-gelben Koalition und Ökonomie-Automat. Das eine hat die Geschichte, das andere hat er selbst mit ein paar klugen Reden widerlegt.

Köhler brauchte einige Zeit, um seine schüchterne Unbeholfenheit zu kultivieren und daraus sein Markenzeichen zu machen: Er löste den Bundestag wie von Schröder gewünscht vorzeitig auf, mit einer Begründung, an die man sich lieber nicht erinnert; er verweigerte etliche Unterschriften bei auszufertigenden Gesetzen; die CSU drohte, ihn nicht mehr wählen zu wollen, sollte er den ehemaligen RAF-Terroristen Klar begnadigen. Das war eine Flegelei der CSU, Köhler nahm sich Zeit mit der Entscheidung und erwarb sich den Ruf der Eigenständigkeit.

Jetzt will er aus eigener Kraft noch einmal Präsident werden - der Glanz der zweiten Inauguration soll die Flecken der ersten vergessen machen. Das wird funktionieren, aber die Wiederwahl wird weniger Verdienst der eigenen Arbeit sein, denn eine neue Verlegenheit spiegeln: Die Verhältnisse sind nicht so, dass ein neuer Kandidat daraus entstehen könnte.

Zwar reichen die Stimmen der Union und der FDP für die Wiederwahl Köhlers nicht aus, aber die Gesamtmehrheitsverhältnisse sind unübersichtlich geworden, seitdem die Linkspartei als fünfte Kraft mitmischt. Die SPD bräuchte diese Linkspartei, um einen eigenen Kandidaten durchsetzen zu können; oder sie bräuchte einen liberalen Kandidaten, um die FDP damit zu ködern. Das Erstere geht derzeit nicht, der Letztere ist nicht in Sicht.

Bei unübersichtlicher Lage verzichtet der Amtsinhaber üblicherweise auf eine neue Kandidatur. Köhler wird der erste Präsident sein, der davon profitiert. Er hilft der Union, der SPD, der FDP und den Grünen aus einer Verlegenheit. Diese Verlegenheiten werden von den Blumen zugedeckt, die man jetzt für Köhler streut.

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(SZ vom 14.04.2008/aho)