Die Kritik des Bundespräsidenten hallt durch Berlin - und keiner reagiert: Die Worte aus dem Bellevue versenden sich inzwischen wie der Wetterbericht.
Der Moderator wollte nicht schubsen und das Staatsoberhaupt nicht in einen Rollenkonflikt bringen. "Herr Bundespräsident", hob er vergangenen Mittwoch in den sogenannten Bellevue-Gesprächen an, "über Mindestlöhne werden wir jetzt nicht sprechen. Es sei denn, es drängt Sie, dazu etwas zu sagen."
Bundespräsident Horst Köhler spricht - Medien und Regierung hören kaum zu. (© Foto: dpa)
Anzeige
Hausherr Horst Köhler hatte prompt "keine Hemmungen, etwas dazu zu sagen" und fand dann den Mindestlohn erwartungsgemäß gar nicht so gut ("ein Ausdruck von Schwäche").
Und weil er gerade in Schwung war, ermunterte er "die Politik", "dass sie sich das Ziel setzt, die jetzige Arbeitslosigkeit von immer noch 3,7 Millionen zu halbieren" und eine Arbeitslosenquote von unter fünf Prozent zu erreichen.
Eine weitere Senkung der Sozialversicherungsbeiträge mahnte Köhler an. Überhaupt schien ihm da jemand "eine Politik in die falsche Richtung zu machen".
Köhlers kritische Worte hallten an dem Tag durch Berlin, an dem Bundeskanzlerin Angela Merkel sich im Reichstag in der Debatte zum Kanzleretat gefeiert und in Abkehr von früherer Abgrundsrhetorik von einem Deutschland geschwärmt hatte, das stolz auf sich sein könne.
Dass Köhler und Merkel kein Herz und eine Seele mehr sind, ist schon länger zu erkennen. Wiederholt grollte es aus dem Bellevue, weil Köhler den Eindruck hat, dass Merkel ihr Anfangsmotto "Mehr Freiheit wagen" aufgegeben hat und die Legislatur bis 2009 in Ruhe und mit Zugeständnissen an die Sozialdemokraten zu Ende regieren will.
Neu aber ist, dass die Äußerungen Köhlers, und seien sie noch so pointiert, ungehört verhallen. Eine präsidiale Einmischung zum Mindestlohn, die Forderung nach niedrigeren Sozialabgaben und Merkel die Schrödersche Messlatte bei den Arbeitslosen nahezulegen - das hätte früher für drei Nachrichten gereicht. Heute versenden sich die Worte aus dem Bellevue wie der Wetterbericht, selbst wenn der Deutschlandfunk das Gespräch live überträgt.
Köhler, angetreten im Zweifel auch unbequem zu sein, sieht sich vor dem Problem, dass ihn diejenigen, denen er unbequem sein möchte, einfach wegdimmmen und ignorieren. Merkel hat längst von ihrem oppositionellen Untergangston Abstand genommen und preist, ganz Regierungschefin, sogar die Lebensleistung ihres Vorgängers Gerhard Schröder.
Und Köhler legt einsam weiter die alte Platte auf. Zweites Beispiel aus der vergangenen Woche: Der Präsident stattete der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg einen Besuch ab. Köhler nutzte die Gelegenheit, in der Elite-Schule des Militärs etwas über die Defizite im Elite-Bereich deutscher Schulen und Bildungseinrichtungen zu sagen.
Genau einer Tageszeitung fiel das im Manuskript auf, ihre Redaktion tat sich aber schon schwer, Stellungnahmen aus dem politischen Raum für dieses Köhler-Wort zu bekommen, um daraus einen Aufmacher zu machen.
Möglich, dass Köhler durch seine wiederholte Einmischung in die Tagespolitik einen Ennui erzeugt hat. Möglich auch, dass er nur ein Zwischentief zu überwinden hat und seine Worte spätestens dann wieder mehr auf die Goldwaage gelegt werden, wenn es näher auf die etwaige Wiederwahl im Mai 2009 zugeht.
Nächster Test für die Relevanz seiner Worte wird der 1. Oktober sein, wenn er seine zweite Berliner Rede hält, jene Institution seines Vorvorgängers Roman Herzog, die den Ruck als politische Kategorie in Deutschland etablierte.
(SZ vom 18.9.2007)
Die Unionsparteien sind arg ueberrepraesentiert bei den Bundespraesidenten und
haben daher auch einige "missratene" zu verantworten. Am schlimmsten war
natuerlich Luebke. Carstens ("es ist so schoen, in diesem schoenen Land bei so
schoenem Wetter so schoen zu wandern", nur leicht uebertrieben) war auch nicht von
schlechten Eltern.
Andererseits war Richard von Weizsaecker der bisher beste Praesident. Seine
geschliffene Eloquenz, seine "praesidiale Aura", seine echte Partei-Ferne:
da passte alles.
Von den FDP-Praesidenten ist Heuss als erster ueberhaupt natuerlich ein Sonderfall
und recht beachtlich, Scheel eher ein Leichtgewicht.
Die SPD-Praesidenten, Heinemann und Rau, waren beides Persoenlichkeiten von
Format. Rau haette eigentlich schon frueher, als laut Umfragen zwei Drittel der Bundesbuerger seine Kandidatur unterstuetzten, gewaehlt werden sollen.
Stattdessen hat damals Kohl einen eigenen Kandidaten durchgesetzt. Nach
einigem Herumgeeiere wurde das dann Roman Herzog, der seine Sache nicht schlecht,
aber auch nicht ueberragend machte. In seinen Reden war er nie mutig genug, Ross
und Reiter zu nennen.
Als Rau dann spaeter doch Praesident wurde, hat die Union eine Kostprobe ihres
politisch-republikanischen Anstands geliefert: Man hatte keine Hemmung, das Ansehen
des frischgewaehlten Praesidenten mit diesen unsinnigen persoenlichen
Anschuldigungen wegen der "Flug-Affaere" zu beschaedigen. Davon hat er sich nie
erholt. Dass er vo der Knesset eine Rede in deutscher Sprache halten durfte, war
eine ganz aussergewoehnliche persoenliche Ehrung, wurde aber hierzulande kaum beachtet.
Bei der Wahl Koehlers hat sich wieder einmal der rein parteipolitische Machtanspruch
durchgesetzt. Angela Merkel praesentierte nach einigem Hin und Her diesen Mann
mit dem Charme und der Aura eines Sparkassendirektors. Die SPD-Kandidatin
Gesine Schwan, seit Jahrzehnten eine der prominentesten
Politikwissenschaftlerinnen Deutschlands, zwar SPD-Mitglied, aber keineswegs
Parteipolitikerin, haette, ginge es um Qualitaet und nicht bloss Durchsetzen der eigenen
Mehrheitsmacht, durchaus auch von der CDU-Vorsitzenden Merkel unterstuetzt werden
koennen. Das waere die bessere Wahl gewesen. Die Reden dieser Frau als
Bundespraesidentin waeren sicher nachlesens- und nachdenkenswerter ausgefallen
als die von Herrn Horst Koehler.
Muss man in Zeiten vom Verfall der politischen und der demokratischen Kultur.
In Zeiten von Angriffskriegen ( Jugoslawien) und der Besetzung fremder Länder (Afghanistan), massivster Angriffe auf das GG und Urteile des Gerichts welches es beschützt.
In Zeiten des Abbaus von Grundrechten der Bevölkerung, der Presse-, Demonstrations-, und Meinungsfreiheit.
In Zeiten der Senkung des Bildungsniveaus der Bevölkerung durch massive Unterfinanzierung des Bildungssystems.
In Zeiten von Hartz IV und der zum Arbeitgeberlager übergelaufenen Gewerkschaften, des Ausverkaufs von Volkvermögen, der Verarmung der arbeitenden Bevölkerung und Alten und Kranken.
Muss man in diesen Zeiten Vertrauen in und Achtung vor den Verfassungsorganen des (vergangenen) Erfolgsmodell BRD haben?
Ihrem Beitrag habe ich eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Lediglich, dass es Politikern schwerfällt sich mit intelligenten Leuten auseinanderzusetzen, die noch dazu nicht auf ihren Stühlen kleben und deshalb sagen können und dürfen, was sie wollen
Auf mich wirkt der Mann wie eine Schlaftablette. Ihm fehlt jedes Charisma. Da hatten wir in der Vergangenheit meist "bessere Qualität" - nehmen wir z.B. Herrn Herzog.
...hat jegliche Seriosität verspielt, spätestens als er sich von seiner Armutspartei CSU erpressen lassen hat: Entweder Christian Klar bleibt im Knast oder die Wiederwahl geht ins Nirvana! Ich kann, auch wenns typisch für Deutschland ist, einer solchen Person keinen Respekt zollen, sondern jämmerliche Verachtung, der Mann geht als Null in die Geschichte, falls sich in 15 Jahren überhaupt noch jemanden an diesen Ausrutscher erinnert! Klingt hard, aber wieso eine Tatsache umschreiben, in diesem Land wird sowieso viel zu sehr umschrieben! Finde den Artikel gut!
Paging